Zauberhaftes Mäuseohr

In alten Schriften, Legenden und Volksliedern wird das Vergissmeinnicht häufig mit den Themen Trennung und Liebe in Verbindung gebracht.
Foto: Gert D. Wolff

Den Namen „Vergissmeinnicht“ trägt es – in sinngemäßer Übersetzung – auch heute noch weltweit in vielen Sprachen. So heißt es beispielsweise im Englischen „forget-me-not“, auf Französisch „ne m'oubliez pas“ oder etwa „wu wang cao“ auf Chinesisch, was so viel wie „Nicht-Vergessen-Kraut“ heißt. In der Blumensprache der Romantik ist die fast über die ganze Erde verbreitete kleine Pflanze mit den so verträumt dreinschauenden Blüten als Symbol der Sehnsucht nach Liebestreue und ewiger Erinnerung zu verstehen.



Herkunft des Namens

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Bei aller Sympathie für die hübsche Legende – der Name Vergissmeinnicht ist im deutschsprachigen Raum erst seit dem 15. Jahrhundert bezeugt. So reimte beispielsweise 1411 der Tiroler Hans Vintler, ein offensichtlicher Frauenkenner, mit liebenswerten Damen solle man „reden von claidern reich/ und von pluemen vergißmeinnicht.“ Ob damit bereits unsere heute so beliebte Wild- und Gartenpflanze der Gattung Myosotis gemeint war, ist nicht sicher. Unter den zahlreichen volkstümlichen Namen für das Vergissmeinnicht war damals beispielsweise Blauer Augentrost und – von den alten Griechen übernommen – vor allem die Bezeichnung Blaues Mausöhrlein häufig zu finden. Denn bereits die antiken griechischen Botaniker sollen die Pflanze nach der bei einigen Arten auffälligen Blattform Myosotis (von myós = Maus und otis = Ohr), also Mäuseohr, genannt haben. Doch auch diese bisher allgemein akzeptierte Erklärung für die Entstehung des Namens wird inzwischen in Frage gestellt. So könnten die antiken Autoren mit myosotis durchaus auch eine Klette namens Igelsame (Lappula squarrosa) gemeint haben.

Unzählige Lieder, Gedichte, Sagen und Legenden erzählen von den Vergissmeinnicht
Unter den heute weltweit über 100 bekannten Vergissmeinnicht-Arten aus der Familie der Rau­blattgewächse spielte das bei uns neben anderen Arten wild vorkommende Sumpf-Vergissmeinnicht (Myosotis palustris) früher stets eine herausragende Rolle. Es wächst auf Feuchtwiesen und an Bachufern und bringt von April/Mai bis in den Herbst hinein seine bezaubernden lichtblauen Blüten hervor, die schon unsere Vorfahren beeindruckt haben. Unzählige Lieder, Gedichte, Sagen und Legenden erzählen davon. Wie etwa das bekannte Volkslied aus dem 16. Jahrhundert: „Weiß mir ein Blümlein blaue/ von himmelblauem Schein/ das steht auf grüner Aue/ und heißt Vergißnitmein/ ...“ Immer wieder geht es dabei um Trennung, Liebe und ewige Erinnerung. Die christliche Kunst des Mittelalters stellte die symbolträchtige Blume oft zu Füßen der Gottesmutter oder von Heiligen dar. In Volkssagen wird das Vergissmeinnicht mitunter als die blaue Wunderblume erwähnt, mit deren Hilfe verborgene Schätze gehoben und überhaupt das Glück gefunden werden konnte, sofern man demütig und bescheiden blieb.
Dass die beliebte Blume auch im Brauchtum eine Rolle spielte, versteht sich fast von selbst. So hieß es zum Beispiel in Württemberg, wer an „Sommerjohanni“ (24. Juni) ein wildes Vergissmeinnicht mit drei Spatenstichen ausgrabe, bleibe vor allerlei Schaden bewahrt. In Schlesien, wo man das Pflänzchen auch „Wieselblum“ nannte, glaubte man, dass immer, wenn wenig Vergissmeinnicht wuchsen, es wenig Wiesel und dafür umso mehr Mäuse gebe. Aus heutiger Sicht durchaus plausibel, denn wo viele Vergissmeinnicht wachsen, ist der Boden besonders feucht und wird daher von Mäusen gemieden.

Liebesorakel mit Vergissmeinnicht
Vor allem aber in Liebesangelegenheiten glaubte man, sich die geheimnisvollen Kräfte der schönen Blume zunutze machen zu können. Für ein Lie­bes­orakel sollte man in der Walpurgisnacht (30. April) etwas Erde auf einen Stein geben und zwei Vergissmeinnicht darauf pflanzen. Wuchsen diese aufeinander zu, galt das als Hinweis, dass der oder die Geliebte treu bleiben oder man bald heiraten würde. Auch eine aphrodisierende Wirkung sagte man dem Pflänzchen nach, wie der Arzt und Botaniker Adam Lonitzer im 16. Jahrhundert erwähnt: „Die Wurzel angehenkt soll die Buhler holdselig und werth machen“. Dem widerspricht freilich schon damals der wetter­auische Pfarrer Conrad Roßbach in seinem 1588 erschiene­nen „Paradeißgärtlein“: „... Sindt abergläubisch Leut fürwar/ Und hilfft doch oftmals nit ein Haar.“ Immerhin hat man das Vergissmeinnicht – vor allem das Acker-Vergissmeinnicht (Myosotis arvensis) und seine schwach giftigen Inhaltsstoffe – seit alters her in der Volksheilkunde bei Augenentzündungen, Geschwüren, Lungentuberkulose, chronischem Bronchialkatarrh oder bei Erschöpfungszuständen eingesetzt. Das Kraut enthält – wie alle seine Verwandten – neben Flavonoiden auch Gerbstoffe, Mineralien und Alkaloide. In der Schulmedizin spielt das Vergissmeinnicht heute allerdings keine Rolle, es wird jedoch noch in der Homöopathie verwendet.

Tausendschön und Vergissmeinnicht bilden eine tolle bunte Kombination im Blumenkübel.
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Vielfältigen Farbnuancen von lichtblau bis tief dunkelblau
Die heutigen Gartenvergissmeinnicht sind überwiegend aus dem wild vorkommenden Wald-Vergissmeinnicht (M. sylvatica) hervorgegangen. Mit ihren vielfältigen Farbnuancen von lichtblau bis tief dunkelblau bringen sie ein wenig von dem einstigen Zauber der viel besungenen blauen Blume in jeden Frühlings­garten oder als Topfpflanzen auf Terrassen und Balkone. Und auch die Wildformen haben längst den Weg dorthin gefunden. Aber auch als traditionelle Liebesgabe ist die alte, ewig junge Kulturpflanze mit ihrer starken Symbolkraft heute so aktuell wie eh und je. Mitunter diente das blaue Blümchen, das in den Poesiealben vieler Kindergenerationen in rührseligen Versen und auf Glanzbildern verewigt ist, als Geschenk auch einem ganz anderen Zweck. Wie etwa in Berlin, wo früher zum Jahreswechsel so mancher zahlungssäumige Kunde von seinem Gläubiger ein Vergissmeinnichtpflänzchen geschenkt bekam.

Gert D. Wolff