Wenn Bewegen unerträglich wird

Arthrose in den Gelenken ist ein häufiges Leiden

Für ihren Beitrag "Wenn Bewegen unerträglich wird - Arthrose in den Gelenken ist ein häufiges Leiden" (Ausgabe 34/2008, ab Seite I) wurde LW-Autorin Johanna Kallert mit dem Medienpreis der Deutschen Rheuma-Liga ausgezeichnet.

Schmerzen beim Anlaufen, Schmerzen bei Belastung und irgendwann dann Dauerschmerzen – so äußern sich Gelenksarthrosen. Wie Betroffene damit leben und was ihre Leiden lindern kann, schildert im Folgenden LW-Autorin Johanna Kallert.

Auch wenn sie hart arbeiten musste, hat sie ihren Beruf doch immer geliebt, erzählt die 72-jährige Landwirtin Monika Kornberg. Umso schwerer fiel es ihr, dass sie irgendwann kaum noch mit anpacken konnte. Ihre „kaputten Gelenke“ hinderten sie daran, weil sie jede Bewegung zur Qual werden ließen. So wie diese Patientin leiden viele: Wegen der „Gelenksverschleißkrankheit“ Arthrose müssen allein in Deutschland fünf bis sechs Millionen Menschen ärztlich behandelt werden. Dabei steigen die Zahlen mit dem Lebensalter an. Von den über 50-Jährigen sind 75 Prozent, von den über 70-Jährigen sogar 90 Prozent betroffen. Und Menschen, die schwer körperlich arbeiten, sind besonders gefährdet: Bei Landwirten, so haben statistische Erhebungen ergeben, ist das Arthrose-Risiko deutlich höher als bei anderen Berufsgruppen.

Chronische Zerstörungsprozesse

Medizinisch ist die Arthrose ein chronisch fortschreitender Abbau von Gelenkknorpelsubstanz. Im gesunden Zustand sorgt der elastische und gleitfähige Gelenkknorpel dafür, dass der Belastungsdruck abgefedert wird und die Gelenkhälften reibungsfrei gegeneinander beweglich sind. „Doch bei vielen Menschen hält die Belastbarkeit des Knorpels den Belastungen, die darauf einwirken, nicht auf Dauer stand“, erläutert der Arzt für Orthopädie und Rehabilitative Medizin Professor Dr. Wolfgang Beyer, der sich als Ärztlicher Direktor des Orthopädiezentrums Bad Füssing und Präsident der Deutschen Rheumaliga Landesverband Bayern tagtäglich mit diesem Krankheitsbild befasst. Dabei ist die Belastbarkeit des Gelenkknorpels bei jedem Menschen anders ausgeprägt. Sie hängt zum Beispiel von den Genen ab, aber auch von anatomischen Fehlstellungen sowie vom Zustand der Muskulatur. Sogar die Ernährung spielt eine gewisse Rolle. Negativ auswirken kann sich die sogenannte Arachidonsäure, die vor allem in fettem Fleisch reichlich enthalten ist. „Diese Fettsäure wird im Körper zu Substanzen umgewandelt, die Schmerzen und Entzündungsreaktionen verstärken können“, weiß der Experte. Und gerade Entzündungsprozesse, die ohnehin oft infolge des Gelenkabriebs entstehen, wirken sich zerstörerisch aus und beschleunigen den Abbauprozess. Solche entzündlichen Phasen werden als „aktive Arthrose“ bezeichnet und sind deutlich beschwerdereicher als die „stummen“ Phasen der Erkrankung, die anfangs oft kaum bemerkt werden.

Rechtzeitig gegensteuern

Und das ist das Problematische dabei: Arthroseschmerzen (siehe Kasten, S. III) äußern sich nicht immer so heftig, dass sie den Betroffenen gleich zum Arzt führen. Vielmehr „gewöhnt“ sich der Betroffene daran und nimmt die Beschwerden als gegeben hin. „Gegen solche Alterserscheinungen kann man eben nichts machen“, so die landläufige Meinung. „Doch dem ist nicht so“, betont Professor Beyer. Tatsächlich lässt sich die Knorpelzerstörung nicht rückgängig machen. Insofern ist eine bereits eingetretene Arthrose nicht heilbar. Aber: „Sie ist behandelbar, das heißt, es gibt Maßnahmen, die die Beschwerden lindern und den weiteren Abbau verlangsamen können“, so der Experte. Und das gelingt umso effektiver, je früher die

Behandlung einsetzt. Deshalb: Wenn ein Gelenk wiederholt schmerzt, sollte ein Arzt aufgesucht werden, zuständig hierfür ist der Orthopäde. Schon anhand der Beschwerdeschilderung kann er eine Arthrose vermuten, zur genaueren Diagnose prüft er die Beweglichkeit der betroffenen Gelenke. Diese ist je nach betroffenem Gelenk auf charakteristische Weise eingeschränkt. Zum Ausschluss anderer Krankheiten wird das Gelenk geröntgt, in Einzelfällen sind dazu auch Kernspinaufnahmen, eine Ultraschalluntersuchung oder Blutuntersuchungen erforderlich. Ist eine Arthrose festgestellt, kommen je nach Ausmaß der Erkrankung und der Beschwerden verschiedene Therapiemaßnahmen zum Einsatz. Im Anfangsstadium einer Arthrose wird der Arzt zunächst Krankengymnastik verordnen. Manchen Patienten erscheint diese Behandlung wenig effektiv oder sogar überflüssig: „Ich habe im Alltag genug Bewegung“, denkt man dann oft.

Krankengymnastik bremst die weitere Zerstörung

Doch Bewegung ist nicht gleich Bewegung. Vielmehr hat sich gezeigt, dass bei Arthrosepatienten oft das Zusammenspiel von Nervensteuerung und Muskeltätigkeit nicht optimal funktioniert: „Die Muskeln spannen sich bei Belastung oft zu spät an und können das Gelenk dann nicht genügend stützen“, weiß Professor Beyer. Und diese Koordination lässt sich mit gezielter Krankengymnastik wirksam verbessern. Voraussetzung dafür ist, dass die erlernten Übungen zu Hause regelmäßig durchgeführt und gelenkschonende Bewegungsabläufe im Alltag angewandt werden. Neben der Krankengymnastik bei einem niedergelassenen Physiotherapeuten, die gewöhnlich in Einzelsitzungen erfolgt, werden vielerorts auch spezielle Bewegungskurse von der Deutschen Rheuma-Liga angeboten. Dieses sogenannte Funktionstraining kann für einen begrenzten Zeitraum ebenfalls ärztlich verordnet werden, die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten für mindestens ein Jahr. Viele Teilnehmer sind von ihrer „Rheumagymnastik“ so begeistert, dass sie sie anschließend auf eigene Kosten fortführen.

Rheumamedikamente hemmen Schmerz und Entzündung

Gegen Arthroseschmerzen werden üblicherweise Medikamente aus der Gruppe der nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR), die zum Beispiel die Wirkstoffe Diclofenac oder Ibuprofen enthalten, angewandt. Da sie teilweise rezeptfrei erhältlich sind, behandeln sich viele Patienten damit selbst. Auch Monika Kornberg holte sich immer wieder mal eine Packung Schmerztabletten in der Apotheke. „Bei kurzer Anwendungsdauer ist dagegen nichts einzuwenden“, meint Professor Beyer. „Langfristig sollten diese Medikamente jedoch nicht in Eigenregie geschluckt werden, da sie bei empfindlichen Menschen den Magen reizen und im schlimmsten Fall gefährliche Magen- oder Darmblutungen verursachen können.“ Verordnet der Arzt solche Medikamente, wird er dieses Risiko sorgfältig abwägen. „Wenn aus der Vorgeschichte schon Magenprobleme bekannt sind, sollte besser ein Mittel aus der neuen Generation der Rheumamedikamente, ein sogenannter COX-2-Hemmer eingesetzt werden“, rät Professor Beyer. Diese schädigen nicht die Magenschleimhaut, bekämpfen aber genauso wirksam Schmerz und Entzündung. Und das lindert nicht nur Beschwerden, sondern wirkt auch der Arthrose entgegen. Denn: „Wird ein Entzündungsschub nicht bekämpft, schreitet die Zerstörung schneller fort“, so die Erfahrung des Experten.

Cortison nur „im Notfall“

Ein wirksamer Entzündungshemmer ist auch Cortison, das bei Arthrose häufig direkt ins betroffene Gelenk gespritzt wird. Der Vorteil: Entzündung und Schmerz lassen dann schnell nach. Der Nachteil: Die Substanz steht im Verdacht, selbst das Gelenk zu schädigen, vor allem bei zu häufiger Anwendung. Außerdem können hohe Dosierungen die körpereigene Cortisolproduktion stören. Deshalb: „Cortison sollte nur als letzte Möglichkeit und auch dann nur kurzfristig zum Einsatz kommen, wenn die anderen Medikamente nicht ausreichend wirken“, rät Professor Beyer.

Künstliches Gelenk bringt die Beweglichkeit zurück

Bei fortgeschrittener Gelenks­arthrose wird der Arzt auch die Möglichkeit eines künstlichen Gelenks ansprechen oder dies sogar empfehlen, die Entscheidung trifft aber letztendlich der Patient selbst. Und genau das ist für manche Betroffene das Problem: „Der Arzt hat nicht gesagt, dass ich mich operieren lassen muss, wie zum Beispiel bei einem geplatzten Blinddarm, er hat gesagt, ich kann das tun, wenn ich will. Aber woher sollte ich wissen, ob es das Richtige ist?“ erzählt Monika Kornberg von ihren Zweifeln. Tatsächlich ist eine Gelenkersatzoperation immer eine Kann-Operation, sie ist nicht akut lebensnotwendig. Der Arzt wird über Vorteile und Risiken aufklären und vielleicht zu- oder abraten. Doch der Betroffene muss selbst abwägen, ob ihm die voraussichtliche Beschwerdebesserung das geringe Risiko, dass etwas schief gehen könnte, wert ist. Entscheidet er sich für die OP, bedeutet das einen circa zweiwöchigen Klinik­aufenthalt und in der Regel eine anschließende Reha von zusätzlich drei bis vier Wochen. Dort soll der Umgang mit dem Kunstgelenk eingeübt und der Betroffene wieder alltagsfit gemacht werden. Auch Monika Kornberg hat sich schließlich zu dieser Maßnahme durchgerungen und ist im Nachhinein sehr zufrieden damit: „Ich habe keine Schmerzen mehr und kann wieder viel mehr auf dem Hof und im Garten mithelfen als früher, auch wenn ich schwere Arbeiten nach wie vor meiden muss.“

Wenn die Erwerbsfähigkeit gemindert ist

Tatsächlich ist die körperliche Leistungsfähigkeit durch eine Arthrose oftmals eingeschränkt, manchmal so deutlich, dass der Betroffene seinen Beruf nicht mehr ausüben kann. Ist er noch im erwerbsfähigen Alter, kann er in diesen Fällen eine Erwerbsminderungsrente beantragen, bei Mitgliedern der landwirtschaftlichen Altersversorgung ist dies nur möglich, wenn der Betrieb bereits abgegeben ist. Wesentliche Voraussetzung, um die Rente zu bekommen, ist ein ärztliches Gutachten, in dem die Erwerbsfähigkeit sozialmedizinisch beurteilt wird. Oft geschieht dies zum Beispiel im Rahmen einer Reha-Maß­nahme, die meist vor einer mög­lichen Berentung

angeordnet wird. „Bei schweren Beschwerden und Schmerzzuständen kann man dem Patienten dann manchmal eine geminderte Erwerbsfähigkeit attestieren, die für eine Berentung ausreicht“, weiß Professor Beyer. Doch oftmals ist dies schwierig, weil der Betroffene laut Gesetz auf eine leichtere Tätigkeit verwiesen werden kann. Ob die dann tatsächlich auf dem Arbeitsmarkt zur Verfügung steht, spielt dabei keine Rolle. Deshalb: „Übernehmen Sie die Verantwortung für Ihre Gesundheit und kümmern Sie sich rechtzeitig darum, diese zu erhalten“, rät der Experte. „Auch wenn Sie sich vielleicht unabkömmlich fühlen: Je früher und konsequenter Sie Ihre beginnenden Gelenkbeschwerden behandeln lassen, desto länger werden Sie damit beschwerdearm leben und arbeiten können.“