Das närrische Fest der Verwandlung

Wenn zur Fastnacht die Narren toben

Karneval, Fasching, Fastnacht, Fassenacht, Fasnet – so vielfältig wie die regionalen Bräuche sind die Bezeichnungen für die tollen Tage. Im christlichen Jahreslauf verankert, haben sie als Schwellenfest vor der österlichen Fastenzeit eine klare zeitliche Begrenzung: Am Aschermittwoch ist alles vorbei. Doch wo liegt der Ursprung der tollen Tage?

Bis zum 12. Jahrhundert feierte man in Deutschland die Fastnacht als ein heidnisches Vorfrühlings- und Fruchtbarkeitsfest. Unsere Urahnen wollten die bösen Wintergeister vertreiben und die Wachstums­geister wecken. Hierfür verkleideten sie sich, setzten sich gruselige Masken auf und marschierten mit lärmenden Rasseln durch die Straßen.

Ab dem 12. Jahrhundert grenzte die katholische Kirche die Fastnacht auf die Zeit vor dem österlichen Fasten ein und stellte damit einen christlichen Bezug zur Fastenzeit her. Von Aschermittwoch bis Ostern sollte der gläubige Katholik den leiblichen Genüssen entsagen und sich so auf das höchste Kirchenfest vorbereiten. Vorher, in der Fastnacht, durfte er sich noch einmal ordentlich austoben.

Reiterspiele und Kostümfeste

Bis ins 14. Jahrhundert wurden von den Patriziern Reiterspiele zur Fastnacht veranstaltet. Während der Barock- und Rokokozeit fanden an den Fürstenhöfen rauschende Kostümfeste statt. Später bestimmten die Handwerkszünfte die Gestaltung der Fastnacht. Unter Narrenmasken gut getarnt, verspotteten deren Mitglieder die Obrigkeit. Die heutigen Büttenreden gehen auf diesen Brauch zurück. Im frühen 19. Jahrhundert richtete das Bürgertum die Fastnacht aus, da die Zünfte durch die Spätfolgen der Französischen Revolution an Bedeutung verloren.

Zeit der verkehrten Welt

Die Fastnacht war immer auch eine Zeit der verkehrten Welt. Die Bürger bekamen die Schlüssel der Stadt, und der „Elferrat“ übernahm die Regierungsgeschäfte bis zum Aschermittwoch.

Seit dem 19. Jahrhundert ist der 11.11. als offizieller Fastnachtsbeginn festgelegt. An diesem Tag gibt es einen ersten Ausblick: Das Prinzenpaar oder das Dreigestirn und das Motto werden vorgestellt. Die Zeit zwischen dem 12. November und 5. Januar bleibt weitgehend karnevalsfrei. Schließlich gilt der November als Trauermonat, und ausgelassenes Feiern würde dem besinnlichen Charakter des Advents entgegenstehen. Feierbeginn in deutschsprachigen Ländern ist traditionsgemäß der Dreikönigstag (6. Januar). „Dieser Termin knüpft an das alte Bohnenfest an, das durch den Königskuchen am Dreikönigstag ausgelöst wurde. Wer die Bohne im Kuchen fand, wurde Bohnenkönig und musste ein Maskenfest geben. Dies war ein soziales Fest, weil die feiernden Herrschaften auch der Dienerschaft ein Bohnenfest ausrichteten. Das Bohnen­fest war die erste karne­va­lis­tische Feier seit der Wie­­der­­belebung des Karnevals in der Romantik des 19. Jahrhunderts“, weiß Prof. Dr. Manfred Becker-Huberti, Theologe aus Köln. Die Karnevalszeit umfasst dabei im engeren Sinne sechs Tage: von Donnerstag bis Fastnachtsdienstag. Am Aschermittwoch ist das närrische Treiben vorbei, und die 40-tägige Fastenzeit beginnt.

Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit gab es strenge Fastenregeln. Alle tierischen Produkte waren verboten. Vorräte wie Fleisch, Butter, Milch und Käse mussten deshalb vor Beginn der Fastenzeit aufgebraucht werden. So wurden üppige Speisen gekocht und nach Herzenslust geschlemmt. Bier, Schnaps und Wein flossen in Strömen. Während der Fastenzeit war das Trinken von Alkohol schließlich tabu. Auch in diesem opulenten „Essfest“ kann historisch der Ursprung des Karnevals liegen.

Karneval ist Kulturgut

Bis heute hat sich der Karneval besonders in den katholischen Gegenden als Brauchtum und Kulturgut erhalten. Je nach Region haben sich eigene Faschingsbräuche entwickelt, die aus verschiedenen historischen Wurzeln hervorgegangen sind. Sie werden von Generation zu Generation weitergegeben.

Im Rheinland spricht man von der fünften Jahreszeit. In Köln treten statt des Prinzenpaares Prinz, Bauer und Jungfrau auf. In Süddeutschland erfreuen sich die Faschingsumzüge großer Beliebtheit. Die Schwäbisch-Alemannische Fastnacht wird hauptsächlich auf der Straße gefeiert. Narren und Hexen sind hier die Grundfiguren und symbolisieren die Vertreibung des Winters durch den Frühling. Eine Besonderheit: Die Narren springen. Narrensprünge werden deshalb die Umzüge genannt. Etliche Narrenzünfte sind zwischen Neckar, Donau und Bodensee aktiv. Doch Fasching wird ebenso in protestantischen Gegenden und vereinzelt im Norden Deutschlands gefeiert (Kiel, Marne). Karnevalsvereine, allen voran der Bund Deutscher Karneval e.V., haben es sich zur Aufgabe gemacht, alte Traditionen zu bewahren und behutsam in die Neuzeit zu überführen.

Am Straßenkarneval in den bekannten Karnevalshochburgen Düsseldorf, Köln und Mainz nehmen alljährlich über Hunderttausend Menschen teil. Rosen­montagsumzüge, Karne­vals­ver­sammlungen und Prunk­­sitzungen werden im Fernsehen übertragen. Hochburgen des närrischen Treibens in Hessen sind Frankfurt am Main und Fulda.

Übrigens: Laut einer Internet-Umfrage will mehr als jeder zweite Deutsche in diesem Jahr Karneval feiern. Dabei werden 84 Prozent an einem Umzug teilnehmen. Na dann, „Helau“ und „Alaaf“ ! Silke Bromm-Krieger