Sonntags nie?

Sonntagsruhe und Landwirtschaft – Wie passt das zusammen?

Der berühmte russische Schriftsteller Leo Tolstoi erzählt in einer seiner Geschichten von einem unmenschlichen Gutsbesitzer, der seine Bauern bis aufs Blut ausbeutet und keinerlei Rücksicht auf ihre Rechte und Bedürfnisse nimmt. Sogar am Osterfest sollen sie ackern. Die Bauern sind empört, aber machtlos. Nur ein einziger wagt ein Zeichen des Widerspruchs – und der Gutsbesitzer nimmt für seinen Frevel schweren Schaden an Leib und Seele. Wer den Sonn- oder Feiertag für profane Alltagsgeschäfte „entheiligt“, davon ist der Dichter überzeugt, handelt nicht nur unmenschlich, weil er anderen die zum Leben nötige Ruhe nicht gönnt, er schadet im Tiefsten auch sich selbst.


Zum Glück sind die Tage von hartherzigen Gutsbesitzern vorbei. Heute sind die Bauern frei, und jeder Landwirt kann selbst entscheiden, wann und wie er arbeitet. Auch das gesellschaftliche Klima im Blick auf den Sonntag hat sich geändert. In der Bundesrepublik ist der Sonntag zwar immer noch gesetzlich als Tag der Ruhe und Besinnung geschützt, aber faktisch wird die Sonntagsruhe seit Jahren schon immer mehr „ausgebeult“.

Verlust der Sonntagsruhe

Dafür gibt es verschiedene Gründe: Maschinen, die Tag und Nacht laufen, müssen bedient werden; es gibt eine wachsende Freizeitindustrie, und auch an den Sonntagsöffnungszeiten der Geschäfte wird wacker gerüttelt. Gartenmärkte und Bäckereien haben sonntags geöffnet, und der Einzelhandel nutzt auf der Suche nach Kunden und Umsatzsteigerungen kreativ die Möglichkeiten für zusätzliche Sonntagsöffnungszeiten.

Zudem nimmt die religiöse Bindung der Bundesbürger ab. Der Sonntag ist keineswegs mehr der „Tag des Herrn“, sondern für viele zwar noch im Kalender rot angestrichen, aber ansonsten ein Tag wie jeder andere. Im Zeichen von Individualismus gestalten immer mehr Menschen ihr Leben jenseits vorgegebener Traditionen. Die Folge: Der Unterschied zwischen Werktagen und Sonntag wird eingeebnet.

Wie gestalten Landwirte ihren Sonntag?

Ernst Kunz (63) ist Landwirt aus Passion und Tradition. Schon seine Vorfahren waren Landwirte in Greifenstein. Seit 1971 bewirtschaftet er gemeinsam mit seiner Frau Inge den 1963 gebauten Aussiedlerhof mit wunderschönem Blick auf die Burgruine Greifenstein hoch über dem Tal. Arbeit gibt es auf dem Hof, zu dem 40 Milchkühe und 65 Jungtiere gehören, genug: „Man könnte eigentlich immer weiter machen“, lacht Ernst Kunz, der seinen Beruf dennoch gegen keinen anderen eintauschen möchte. Schließlich ist man als Landwirt sein eigener Herr und kann sich seine Arbeit frei einteilen. Ernst Kunz und seine Frau Inge nutzen diese Freiheit so, dass der Sonntag sich deutlich von den anderen Tagen der Woche unterscheidet. Natürlich ist ein völlig arbeitsfreier Sonntag in einem Milchviehbetrieb eine Utopie. Die Tiere müssen schließlich versorgt werden. Der Stalldienst ist auch am Sonntag selbstverständlich, scheint aber für die Kunzens irgendwie gar nicht als „Arbeit“ zu zählen. „Die Arbeit im Stall muss sein. Da beißt die Maus keinen Faden ab, aber wir beschränken uns auf das Nötigste“, meint er. Am Sonntag Ackern und Säen? Nein, das käme für ihn nicht in Frage, auch wenn er für Kollegen, die einen großen Nebenerwerbsbetrieb bewirtschaften, Verständnis hat.

Zeit für Frühstück

Am Sonntagmorgen ist Zeit für ein längeres Frühstück zu zweit im Wintergarten. Am Sonn­tag­nachmittag wird hier der Tisch zur großen Kaffeerunde ge­deckt und dann locken womög­lich Bienenstich oder Schwarzwäldertorte auch die beiden erwachsenen Kinder zum Sonn­tag­s­plausch. „Wenn sonntags alle an einem Tisch sitzen, dann stärkt das die Zusammengehörigkeit“, sind beide sich einig.

Wenn eine Kuh kalbt oder zur Erntezeit Heu, Mais oder Getreide eingebracht werden müssen, bleibt allerdings auch bei Ehepaar Kunz der Sonntag nicht unangetastet. Die Abhängigkeit vom Wetter oder von den Zeiten, die der Lohnunternehmer anbietet, ist einfach da. Sonntagsarbeit bei „besonderen Umständen“, hat es schon früher in der Familie Kunz gegeben. Die Großmutter von Ernst Kunz war Hebamme im Dorf und half den Greifensteinern auf die Welt – egal ob es Sonntag oder Werktag war. Aber ansonsten gilt: Gut, dass es den Sonntag gibt, an dem man einen Gang zurückschalten kann und Zeit zum Aufatmen und Luftholen hat.

Ernst und Inge Kunz stehen auch immer weiter ausgedehnten Ladenöffnungszeiten skeptisch gegenübersteht. „Die Leute in den Läden haben doch auch Familie“, meint Ernst Kunz und freut sich, dass er in seinem Beruf den Rhythmus von Ruhe und Arbeit noch spüren kann. Sonntag, das heißt für ihn auch ein „Tag zur Besinnung“ und zum Kirchgang. 24 Jahre lang war er Presbyter – da gehörte der Gottesdienst am Sonntagmorgen auch des Vorbilds wegen dazu. „Als Landwirt ist man doch in der Natur mit Gott verbunden. Jede Geburt und alles Wachstum ist ein Wunder“, findet er und bedauert, dass dieses Wissen bei vielen Menschen schwindet.

Sonntagsruhe auf dem Pappelhof

An die Zeiten, in denen die Kinder sonntags die strengen Auflage bekamen, ja die guten Sonntagssachen nicht schmutzig zu machen, und froh waren, wenn wieder Alltag einkehrte, erinnern sich Hilde (63) und Heinrich Müller (59) vom Pappelhof in Hüttenberg noch gut. Und trauern ihnen nicht nach. Aber dass der Sonntag sich von den Werktagen unterscheidet, ist ihnen bis heute wichtig. Auch ohne Sonntagskleider. „Am Sonntag muss man mindestens zwei Stunden ruhen, das merkt man die ganze Woche“, zitiert Heinrich Müller den Chef des Betriebs, auf dem er selbst gelernt hat. Sonntags wird auf dem Pappelhof nur „das Nötigste“ gearbeitet. Mist- oder Güllefahren am Sonntag? Das halte ich für einen schlechten Witz“, so Heinrich Müller. Und wenn sonntags die Sonne lacht und prima Wetter zum Silomachen ist, und für Montag schlechtes Wetter angesagt ist? Dann wird Wohl oder Übel eine Ausnahme gemacht – Sonntag hin oder her. Nach dem Motto: Was Gott wachsen lässt, muss auch geerntet werden.

Den Sonntag als Überlaufbecken für die Arbeit zu benutzen, die er womöglich in der Woche nicht geschafft hat, das käme Heinrich Müller allerdings nicht in den Sinn. Die Woche mit sechs langen Arbeitstagen muss aus seiner Sicht reichen, um die anstehenden Arbeiten zu erledigen.

Sonntags bleibt die Küche kalt

Auch Ehefrau Hilde, lange Jahre Vorsitzende des Landfrauenvereins, lässt sonntags ihre Alltagsarbeiten in Haus und Hof liegen. Seit die Kinder groß sind, hat sie beschlossen: „Am Sonntag bleibt die Küche kalt.“ Ehemann Heinrich akzeptiert und unterstützt sie dabei. Schließlich ist sonntags nach der unvermeidlichen Stallarbeit Zeit zum ausgedehnten Frühstück oder Brunch.

Hilde Müller nutzt die sonntäglich Pause gelegentlich, um sich ihrem Hobby zu widmen: Sie entwirft und gestaltet wunderschöne Patchworkdecken auf denen oft Motive aus dem Landleben zu sehen sind. Manchmal genießt sie es auch, einfach mal ein Stündchen „he­rum­zu­trö­deln“. In Muße gar nichts tun, ist auch eine Kunst, die geübt sein will. Heinrich Müller spannt sonntags gerne mal die Pferde vor die Kutsche und macht eine Ausfahrt – nicht selten in Begleitung eines der vier Enkelkinder. „Wo es Enkelkinder gibt, ist es aus mit der Ruhe“, sagt er.

Von Sonntagsöffnungszeiten und späteren Ladenschlusszeiten hält Hilde Müller nichts: „Die Leute tun mir leid“, meint sie. Mit dieser Haltung fühle man sich angesichts der allgemeinen Entwicklung fast ein bisschen „wie ein Dino“. So als ob man „auf die Rote Liste gehört“, so Heinrich Müller. Nichtsdestotrotz bleibt es dabei: Der Sonntag ist zum Ausruhen da. „Es ist schon was dran am Rhythmus von sechs Tagen Arbeit und einem Tag Ruhe“, findet man auf dem Pappelhof.

Messe besuchen

Zum Sonntag gehört für das Ehepaar oft auch ein Gottesdienst. Der frühe Termin um 9.30 Uhr sei allerdings für einen Landwirt mit Milchviehbetrieb kaum zu schaffen, bedauert Heinrich Müller. Aber wenn die Glocken zu einem Gottesdienst um 10.30 Uhr einladen, nutzen Müllers die Gelegenheit zum Kirchgang „ohne Hetzerei“. Ein Leben ohne Sonntag jedenfalls mögen sich Hilde und Heinrich Müller nicht vorstellen. Denn bis gegen 17 Uhr wieder die Melk­arbeit ruft, ist Zeit zum Luftholen und Seele baumeln lassen. Karin Vorländer

Geschichte des Sonntags

Wissenswertes zum „Ruhetag“ der Woche

Ursprung des wöchentlichen Ruhetages ist der jüdische Sabbat. Weil Gott am siebten Tag nach der Vollendung der Schöpfung ruhte, sollten auch die Menschen am Sabbat ruhen.

Die Christen versammelten sich zunächst heimlich am ersten Tag der Woche, dem Sonntag, um die Auferstehung Jesu zu feiern. Deshalb wird der Sonntag auch „Tag des Herrn“ genannt. Ostern gilt als Ursprung des Sonntags.

Im Römischen Reich war der Sonntag zunächst kein Ruhetag. Christen mussten ihre Arbeit unterbrechen, um am Gottesdienst teilzunehmen. In Verfolgungszeiten bezahlten sie ihre Treue zum Sonntag mit dem Leben. Erst Kaiser Konstantin erlaubte im Jahre 313 das Christentum. Im Jahr 321 ordnete er eine weitgehende Sonntagsruhe an.

Im Laufe der Zeit glich sich der Sonntag (1. Tag der Woche) äußerlich immer stärker dem jüdischen Ruhetag, dem Sabbat (7. Tag der Woche) an.

Zu allen Zeiten waren der Sonntag und seine Sonderstellung als arbeitsfreier Tag umkämpft. In der Französischen Revolution wurde er genauso wie in der Sowjetunion zeitweilig abgeschafft – auf Druck der Bevölkerung aber wieder eingeführt. In Russland heißt der Sonntag bis heute „woskresnje“, Tag der Auferstehung.

Staatlicherseits steht der Sonntag heute durch den Grundgesetzartikel 140 als Tag der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung unter besonderem Schutz. Allerdings schafft die Gesetzgebung der Bundesländer immer mehr Ausnahmen vom Gebot der Sonntagsruhe. Karin Vorländer

 

Argumente für eine Sonntagskultur

  • Der Sonntag ist Ruhetag. Es gibt Zeiten der Arbeit und Zeiten der Ruhe: Am Sonntag ist Zeit für Ausspannen, Lektüre, Gespräche, Ausflüge und Spiel.
  • Der Sonntag gibt der Woche den Rhythmus. Ohne Rhythmus wäre das Leben Chaos, ohne regelmäßig wiederkehrende Abläufe würde der Mensch krank.
  • Der Sonntag ist Feiertag. Menschen leben nicht nur von der Arbeit. Sie brauchen auch Zeit zum Feiern.
  • Der Sonntag ist ein Tag der Erinnerung. Menschen haben eine Geschichte, die ihr Leben bestimmt. Am Sonntag gedenken Christen der Grundlagen ihres Glaubens: In der Tradition des Alten Testaments an den Auszug Israels aus Ägypten (5. Mose 5,15), vor neutestamentli­chem Hintergrund an die Auferstehung Jesu Christi.
  • Der Sonntag stellt den Menschen in den Mittelpunkt. Maschinen brauchen keine Erholungspausen, sie laufen rund um die Uhr. An Werktagen geben sie das Tempo vor, der Sonntag orientiert sich dagegen am Menschen.
  • Der Sonntag rückt die Werte ins rechte Licht. Niemand muss immer und überall kaufen, wenn ihm gerade danach gelüstet. Der Sonntag schützt den Menschen davor, falschen Werten nachzulaufen. Er bietet Gelegenheit zur Besinnung auf das, was zählt.
  • Der Sonntag ist Familientag. In Zeiten zunehmender Arbeitsbelastung und flexibler Arbeitszeiten gewinnt der Sonntag als gemeinsam began­gener Tag aller Familienmitglieder an Bedeutung. Diese Möglichkeiten sollten auch den Angestellten im Einzelhan­del zu Gute kommen, die bei einer Öffnung der Läden am Sonntag arbeiten müssten.
  • Der Sonntag ist auch nach fast 2000 Jahren noch lebendig. Kaiser Konstantin hat den Sonntag im Jahr 321 zum öffentlichen Ruhetag erklärt und damit dem Abendland ein wertvolles Kulturgut hinterlassen. Kurzsichtiges Konsumdenken sollte dieses Kulturgut, das in Artikel 140 des Grundgesetzes besonders geschützt ist, nicht zerstören. Unser Leben ist mehr als Arbeit, Kaufen und Besitzen. Dafür steht der Sonntag. K.V.