Könige des Wegrandes

Drei Wegerich-Arten stellen sich vor

Eher unscheinbar sind sie – die „Könige des Wegrandes“. Einer von ihnen wird sogar mit Füßen getreten. Doch das macht ihm nichts aus, immer wieder hebt er sein Haupt. Die Rede ist von den drei Wegericharten Breit-Wegerich, Mittlerer Wegerich und Spitz-Wegerich, die häufig an unseren Wegrändern zu finden sind. Daher der Name! Das Wort „Wegerich“ stammt von dem Althochdeutschen wega (= Weg) und rih (= König, Herrscher) ab.

Die drei Könige gehören zur Familie der Wegerichgewächse. Ihnen gemeinsam ist, dass sie eine Grundrosette und parallel verlaufende, starke Blattnerven aufweisen. Auf langen, blattlosen Stielen erscheinen Ähren aus dicht zusammengedrängten Blüten, die jedoch weniger durch ihre Blütenfarbe als ihre Staubbeutel auf sich aufmerksam machen. Letztere ragen um einige Millimeter aus der Blüte heraus und öffnen sich innerhalb einer Ähre ringförmig von unten nach oben. Weisen ansonsten Blüten gut sichtbare, leuchtende Farben auf, sind die Blüten der Wegerichgewächse eher unscheinbar.

     
 Das hat damit zu tun, dass für die Bestäubung keine Insekten angelockt werden müssen. Der Wind trägt die feinen Pollen zu benachbarten Blüten. Wenn die Samen bei Feuchtigkeit klebrig werden, bleiben sie an Tierpfoten, Schuhen und Rädern haften. Auf die „fußläufige“ Verbreitung der Samen geht auch der Gattungsname „Plantago“ ein (lat. planta = Fußsohle). So haben sich einige der Wegerichgewächse über die ganze Welt verbreitet.

Breit-Wegerich unter Pferdehufen

„Fußstapfen des Weißen Mannes“ nannten die Indianer den Breit-Wegerich (Plantago major). Die europäischen Einwanderer schleppten die klebrigen Samen mit ihren Wagenrädern und Pferdehufen in die neue Welt ein. Überall wo sie lang zogen, fasste der Breit-Wegerich Fuß und breitete sich aus. Als „Trittpflanze“ gedeiht der Breit-Wegerich dort, wo der Boden durch Fußspuren oder Wagenräder verdichtet wurde, aber auch in Weiden, auf Plätzen, an Ufern und auf kurzgeschnittenen Rasenflächen. Sogar zwischen Pflasterritzen lässt er sich nieder. Druck von oben stört ihn wenig, denn seine Erneuerungsknospen, aus denen neue Blätter wachsen, liegen direkt über dem Boden. Von den drei heimischen Wegerichgewächsen weist der Breit-Wegerich die breitesten Blätter auf. Daher der Name! Auch der wissenschaftliche Name nimmt Bezug darauf (lat. major = groß). Im Gegensatz zu den Blättern der zwei anderen Arten, sind die breit-eiförmigen Blätter des Breit-Wegerichs gestielt.

Mittlerer Wegerich mit violetten Staubfäden

Der Mittlerer Wegerich (Plan­tago media) ist nicht so häufig in unserer heimischen Flora zu finden wie seine beiden Verwandten. Als Standort bevorzugt er trockene Rasen- und Wiesen auf Kalkböden. Er lässt sich vom Wind bestäuben, aber auch Insekten fliegen den weißlichen Ährenstand mit den sehr auffällig violetten Staubfäden an. Legt man je ein Blatt der drei Wegericharten nebeneinander, nimmt der „Mittlere“ Wegerich eindeutig eine Mittelstellung (media) ein. Seine Blätter sind breiter als die des Spitz-Wegerichs, aber schmaler als die des Breit-Wegerichs.

Spitz-Wegerich mit lanzenartigen Blättern

´Schon im zeitigen Frühjahr erkennt man den Spitz-Wegerich (Plantago lanceolata) an seinen langen, schmalen Blättern, die wie Lanzen aus dem Boden schießen (lat. lancea = Speer, Lanze). Die Pflanze wächst in Wiesen und an Wegrändern, auf Brachflächen und Äckern. Ab April kann man die bräunlichen, gedrungenen Ähren des Spitz-Wegerichs entdecken. Die Pflanze blüht bis in den Herbst hinein. Im Gegensatz zum Breit-Wegerich ist der Spitz-Wegerich keine Trittpflanze. Er gedeiht zwar an fast jedem Wegrand, aber nicht unmittelbar dort, wo Reifen, Füße oder Pfoten ihn beeinträchtigen könnten.

Nutzung der königlichen Wildpflanzen

Die Wegericharten weisen zahlreiche Inhaltstoffe auf, die der Mensch sich im Laufe der Jahrhunderte zu Nutze gemacht hat. Es ist jedoch in erster Linie der Spitz-Wegerich, der als Heilpflanze Verwendung findet. Der Mittlere Wegerich ist zu selten und die Breit-Wegerichpflanzen sind häufig durch Tritt und Schmutz beeinträchtigt.

Seit dem Altertum ist der Spitz-Wegerich wegen seiner reizmildernden und schleimlösenden Wirkung als bewährtes Hustenmittel geschätzt. Mancherorts wird das Kraut daher auch „Lungenkraut“ genannt. Auch heute noch ist Spitz-Wegerichsirup im Handel erhältlich. Spitz-Wegerichhonig kann man ganz einfach selber herstellen. Auch eine Teezubereitung aus den Blättern stärkt das Lungengewebe. Wenn man sich verletzt und weder Pflaster noch Desinfektionsmittel dabei hat, kann der Spitz-Wegerich als „Erste-Hilfe-Kraut“ einsprin­gen. Man legt einfach zerquetschte Blätter auf die Wunde. Der frische Saft des Spitz-Wegerichs wirkt aufgrund des Inhaltstoffes „Aucubin“ wie ein Antibiotikum und ist wundheilend.

Tinktur lindert Juckreiz

Im Gegensatz zu den meisten anderen Pflanzensäften schimmelt der Saft des Spitz-Wegerichs nicht. Nicht nur bei Hautverletzungen, auch zur Linderung von Schwellungen und Juckreiz bei Insektenstichen und zur Blutstillung kann das Kraut eingesetzt werden. Für diese Zwecke ist Spitz-Wegerichtinktur das Mittel der Wahl, von der man immer ein kleines Fläschchen für Notfälle in der Tasche haben sollte. Hat man auf einer Wanderung eine Blase an der Verse und kein Pflaster zur Hand, ist das breite Breit-Wegerichblatt eine hervorragende, heilwirksame Alternative.

Verwendung in der Küche

Doch nicht nur als Heilmittel sind die Wegerichgewächse verwertbar, sondern auch in der Küche. Ganz frische kleingeschnittene Blättchen des Spitz-Wegerichs eignen sich besonders gut zum Verfeinern von Salatsaucen, aber auch für Gemüse, Suppen und Saucen. Sie weisen einen bitteren Geschmack auf. Wenn die Knospen noch nicht aufgeblüht sind, also noch kein Kreis von Staubblättern zu sehen ist, können die Blütenköpfe roh gegessen oder auch gedünstet als Gemüse verarbeitet werden. Gekocht überraschen sie durch ihren champignonartigen Geschmack. Noch grüne oder auch schon reife Samen von Spitz-Wegerich und Breit-Wegerich auf ein Butterbrot gestreut – ein außergewöhnlicher Genuss. Gisela Tubes

Rezepte aus der Hausapotheke

  • Spitz-Wegerichhonig
    Etwa 50 g gewaschene, trocken getupfte, junge Spitz-Wegerichblätter werden in 500 g Honig eingelegt. Bevor der wohltuende Honig verzehrt wird, muss er an einem hellen Standort, der allerdings nicht in der prallen Sonne liegen sollte, einige Monate ruhen.
  • Spitz-Wegerichtinktur
    Zwei Drittel eines Schraubglases mit frischen, gut gewaschenen und trocken getupften Blättern füllen. Das Glas bis zum Rand mit 38-prozentigem Korn auffüllen. Nach einigen Wochen die dunkelbraune Tinktur abgießen und in dunkle Tropf-Gläser (in der Apotheke erhältlich) füllen. Gegen kleine Hautverletzungen, Insektenstiche und zum Desinfizieren.
  • Spitz-Wegerich-Pfannkuchen
    Gewaschene, zarte Spitz-Wegerichblätter klein hacken, unter Pfannkuchenteig rühren und ausbacken. Mit Salat servieren.
  • Wegerich-Suppengewürz
    Wegerichblätter im Schatten trocknen, im Backofen nachtrocknen und als Suppengewürz in Dosen bis zum Verbrauch aufbewahren. Gisela Tubes