Arbeitskraft Mama und Papa

Im Austausch gegen Mithilfe auf dem Hof oder für ein Dankeschön?

Erwachsene Kinder, die zu Hause wohnen, arbeiten oft im elterlichen Betrieb oder Haushalt mit. Dies kommt bei den Eltern gut an und wird als Gegenleistung für die Versorgung angesehen. Wie viel Arbeit fällt eigentlich an? Und sind alle Familienmitglieder mit der Arbeitsverteilung zufrieden? Oder wäre eine Neuverteilung der Arbeit gut und die Einführung eines regelmäßigen Feierabends für alle? Oberlandwirtschaftsrätin Birgit Schwarzmeier vom Landwirtschaftsamt Donaueschingen liefert Impulse für ein Familiengespräch.

Denken Sie einmal darüber nach, wer Ihnen letztes Jahr alles auf dem Hof geholfen hat und wem Sie besonders dankbar dafür sind. Fallen Ihnen da nicht an vorderer Stelle die Helfer ein, die in Spitzenzeiten, wenn also Not am Mann war, zur Stelle waren? Oder vielleicht noch die, mit deren Hilfe Sie nicht gerechnet hatten? Könnte es sein, dass die beständigen Helfer in der Dankbarkeitsskala zu schlecht wegkommen? Das wäre menschlich. Unser Gehirn speichert die ständig Mitarbeitenden wie den Hofnachfolger als feste Arbeitskraft. Erledigen sie täglich Ihre Arbeit gut, ist dies das Erwartete und braucht keine besondere Merkfähigkeit. Helfer in Spitzenzeiten, zumal wenn sie vorher nicht eingeplant waren, entlasten uns ungemein. Unser Gedächtnis prägt sich diese sehr stark ein. Und so neigen wir dazu, die gelegentliche Mithilfe berufstätiger Kinder stärker wahrzunehmen als die des Hofnachfolgers und die eigene Arbeit. Wir neigen auch dazu, uns bei den ständigen Mitarbeitern zu wenig zu bedanken.

Arbeitsumfang abschätzen

Machen Sie sich die Mühe und schreiben Sie in der Familie auf, wer letztes Jahr welche Arbeit geleistet hat. Versuchen Sie die investierte Arbeitszeit in Tagen abzuschätzen. Bei Bau- und Feldarbeiten geht dies meist recht gut. Auch die Stallzeiten sind einigermaßen gut abschätzbar. Bei Förderungen im Bereich Stallbau erledigt dies ihr Landwirtschaftsamt oder der Betreuer. Schwieriger wird es im Bereich Haushalt. Hier lässt sich der Arbeitszeitbedarf für eine Familie mit Hilfe der Arbeitszeitkalkulation nach KTBL (Kuratorium für Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft) recht gut ermitteln.

„Unser Sohn opfert jedes Jahr eine Woche von seinem Urlaub, um uns in der Erntespitze zu entlasten. Das rechne ich ihm hoch an“, erzählte eine Bäuerin. „Wenn er dann unterm Jahr kaum mithilft, ist das für mich in Ordnung.“ Doch so ganz in Ordnung schien etwas nicht zu sein, sie kam sich ausgelaugt vor. Betrachten wir die Urlaubswoche des Sohnes, so könnten da 6 bis 7 Tage mit je 10 bis 12 Stunden gemeint sein, also 60 bis 80 Stunden jährlich. Doch wie viel Zeit bringt der Haushalt/die Bäuerin für ihn auf? Die Urlaubswoche muss man dem Sohn hoch anrechnen. Aber ist das ein Grund, sich im restlichen Jahr bedienen zu lassen?

Große Unterschiede im Gesamtarbeitszeitbedarf

Natürlich ist jeder Haushalt verschieden und es gibt unterschiedliche Ansprüche an die Lebensführung. Bei Landwirtsfamilien sitzen viele Familienmitglieder am Mittagstisch, das heißt es wird mehr und aufwendiger gekocht, oft mit frischen Zutaten aus dem eigenen Garten als in Haushalten, in denen die berufstätigen Familienmitglieder häufig in der Kantine verpflegt werden. Bauernhäuser sind meist größer, außerdem wird durch die Nähe zum Betrieb auch mehr Schmutz anfallen, das heißt es muss auch mehr Zeit für die Hausreinigung aufgewendet werden. Entscheidend sind auch die Gewohnheiten der Haushaltsmitglieder: Betritt man den Wohnbereich konsequent über die Schmutzschleuse und mit sauberen Schuhen? Gibt es Kachelöfen, vor denen bröseliges Brennmaterial gelagert wird? Wie viele Fensterflächen sind zu reinigen? Wird Wert auf ansprechende Dekoration mit Zimmerpflanzen gelegt? Viele Details bestimmen den Zeitaufwand.

Gesamtarbeitszeit für einen bäuerlichen Haushalt

Im Durchschnitt werden für die Versorgung eines landwirtschaftlichen Unternehmerhaushalts circa 450 Arbeitsstunden je Haushaltsmitglied angesetzt. Ein Vier-Personen-Haushalt würde somit etwa 1 800 Arbeitsstunden benötigen. Das entspricht etwa der Arbeitszeit einer vollen Arbeitsstelle mit 40-Stunden-Woche.

In Tabelle 1 erfolgen die Anhaltswerte für die Arbeitszeit im bäuerlichen Haushalt in einer Spannbreite für eine bäuerliche Familie mit zwei erwachsenen Kindern. Hier gibt es weder Pflegebedürftigkeit eines Haushaltsmitglieds noch Wasch- oder Putzzwang. Die Wohnung ist im heute üblichen bäuerlichen Standard ausgestattet, hat drei Schlafzimmer, Bad und WC getrennt. Für die Ernährung, das Waschen der Wäsche und die Reinigung der Wohnung alleine werden jährlich 1 090 bis 1 840 Arbeitsstunden gebraucht. Weitere Arbeitszeiten fallen für Einkäufe, Wohn- und Nutzgarten, Heizung und Warmwasser, Reparaturen und Haushaltsführung an. Wegen großer Unterschiede zwischen den Haushalten sind sie hier nicht einzeln aufgeführt. Insgesamt fallen je nach Anspruchstufe und Ausstattung des Haushalts etwa zwischen 1 300 und 2 800 Arbeitsstunden an. Und ein Teil dieser Stunden bestimmt unsere Lebensqualität ganz maßgebend. Anhaltswerte für einen bäuerlichen Haushalt mit vier gesunden Erwachsenen.

Arbeitszeit für einen zusätzlichen Gast im Hotel Mama

Wenn jetzt ein drittes erwachsenes Kind wieder zu Hause einziehen würde, wie würde sich die Arbeitszeit erhöhen? Etwas mehr Zeit für die Küchenarbeit ist nötig, etwas mehr Zeit für Wäsche und Reinigung. Als Beispiele für solche Kalkulationswerte seien genannt: ein Schlafzimmer für Single kalkuliert das KTBL mit 15 bis 50 Stunden Arbeitsaufwand pro Jahr. Für die Reinigung des eigenen WC setzt es 5 bis 10 Stunden jährlich an, für den eigenen Duschraum 8 bis 20 Stunden und für ein eigenes Bad je nach Größe und Ausstattung 8 bis 30 Stunden.

Die letzten beiden Spalten in Tabelle 2 zeigen einen Anstieg der Arbeitszeit um 220 bis 350 Stunden jährlich für den zusätzlichen Bewohner im Hotel Mama. Das entspricht 6 bis 10 Arbeitswochen in einem Vollzeitberuf.

Gesprächsansätze in der Familie

Manche Familien haben sich zusammengesetzt und überlegt,
  • was alles an Arbeiten in Haus und Hof anfällt,
  • was davon sehr viel – viel – mittel – wenig – oder sehr wenig Zeit braucht,
  • und wer bereit ist, welche dieser Aufgaben in seine Verantwortung zu übernehmen.

Zugegeben, ein solches Gespräch über die Arbeitsverteilung in Haus und Hof ist ungewöhnlich. Manchmal scheuen es die Eltern und erledigen lieber alles selbst. Nur: Wer will schon jemanden heiraten, der keine Ahnung vom Haushalt hat? Wessen Eltern leben ewig, so dass er die­se Aufgaben nie übernehmen muss?

Ein Erfahrungsaustausch in der Fachschule für Landwirtschaft Donaueschingen zeigte, dass mehrere Haushalte solche Gesprächsrunden geführt haben und alle über die Ergebnisse froh waren. „Jetzt weiß mein Sohn, dass „das bisschen Zeit“ für einzelne Hausarbeiten insgesamt eine große Summe ergibt. Er schätzt jetzt meine Dienstleistungen besser“, konnte man da hören. „Meine Haushaltsarbeit wurde in diesem Umfang und dieser Fülle an Aufgaben gar nicht wahrgenommen“, meinte eine andere Frau. „Das Gespräch über unseren Haushalt war für alle hilfreich.“ Auf dem Betrieb Schleicher mit drei erwachsenen Söhnen im Hotel Eltern sieht man Männer und Frau in Stall und Haushalt am Wirken. Die Reinigungsarbeit teilen sie sich nach dem Stalldienst am Samstag. „Jeder putzt noch eine Stunde, dann haben alle Feierabend“, freut sich Lieselotte Schleicher aus Rickenbach.

Angehende Wirtschafter der Fachschule für Landwirtschaft Donaueschingen drückten sich so aus: „Manchmal regelt sich das Hotel Mama von allein. Wenn man daheim zu viel helfen muss, zieht man aus.“ Und so: „Manchmal ist“s bei der Mutter einfacher. Und man zieht nicht aus, weil die Freundin wesentlich mehr Mitarbeit von einem fordern würde als die Mutter.“ Da kann man den Lesern nur wünschen: Finden Sie für sich und Ihre Familie das richtige Maß. Sind Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst: „Wir als Mütter erziehen die Väter der Zukunft“, appellierte die Vorsitzende des deutschen Landfrauenverbandes, Brigitte Scherb Anfang dieses Jahres. „Wir sorgen auch dafür, mit wie viel Routine an Alltagskompetenzen sie unser Haus verlassen, wie viel Stress unsere Töchter bei der täglichen Hausarbeit empfinden.“

Arbeitszeit im Haushalt

Weitere Informationen zur Arbeitszeit im Haushalt finden Interessierte beispielsweise