Vorsicht stachelig

Es ist Kastanienzeit – die Ross- und Esskastanie kurz vorgestellt

Verwandt sind sie nicht miteinander! Die Rosskastanie (Aesculus hippocastanum) gehört zur Familie der Rosskastaniengewächse, die Esskastanie (Castanea sativa) zu den Buchengewächsen. Ihnen gemeinsam ist nicht nur ein Teil des Namens, sondern auch, dass beide ähnlich aussehende, stachelige Früchte ausbilden und in unseren Breiten nicht heimisch sind. Sie werden in Gärten, Parks oder als Hofbegrünung angepflanzt, sind aber auch verwildert in der freien Landschaft zu finden. Die Rosskastanie ist ursprünglich in südosteuropäischen und kleinasiatischen Schluchtwäldern beheimatet. Anfang des 16. Jahrhunderts wurde sie als Zierbaum in Europa eingeführt. Der Baum wird bis zu 30 m hoch und weist große, fingerförmig geteilte Blätter auf. Diese sind in unseren Breiten eine Besonderheit. In ähnlicher Form lassen sich solche Blattformen bei unseren heimischen Laubbaumarten nicht finden.

Sieht man sich die Stämme von Rosskastanien einmal genauer an, entdeckt man nicht selten eine Rechtsdrehwüchsigkeit des Stammes. Der Laubbaum ist nicht sehr langlebig, bis zu 200 Jahre kann er alt werden.

Vor allem während der Blütezeit im Mai / Juni ist die Rosskastanie sehr dekorativ. Der Baum entwickelt eine Vielzahl von kerzenförmigen Blütenständen, die aus jeweils 100 bis 200 Einzelblüten bestehen. Würden alle Blüten zu Samen auswachsen, hätte der Baum ein Gewicht von etwa 10 Tonnen zu tragen. Daher hat er die Strategie entwickelt, überzählige junge Früchte frühzeitig abzuwerfen. Die Ähnlichkeit der Früchte mit denen der Esskastanie hat dem Baum den Namen Ross„kastanie“ verliehen. „Ross“ bezieht sich auf die ehemalige Verwendung der Rosskastanie als Pferdenahrung und -arznei. Ursprung des Namens könnte auch sein, dass die Blätter nach dem Laubabfall an den Zweigen große, hufeisenförmige Narben hinterlassen.

Die bitteren, leicht giftigen Samen der Rosskastanie wurden in Notzeiten zu Mehl- und Kaffee-Ersatz verarbeitet. Die handschmeichlerischen Samen der Rosskastanie finden heute zum Basteln Verwendung. Herden von Hirschen, Pferden oder Kühen (da sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt), stehen im Herbst auf staksigen Streichholzbeinchen in den Regalen zahlreicher Kinderzimmer.

Seit Anfang der 90er Jahre breitet sich bei den Rosskastanien eine Blattkrankheit aus, die von den Larven der Miniermotte verursacht wird. Der Befall führt dazu, dass sich die Blätter frühzeitig verfärben und abfallen. Ob das Überleben der geschädigten Bäume langfristig gesichert ist, ist noch ungewiss. Bisher sind sie jedes Jahr wieder ausgetrieben.

Wie der Weinstock, so trägt auch die Esskastanie

„Wenn´s Keschde (Kastanien) gibt, gibt´s auch Woi.“ So lautet ein altpfälzischer Spruch. Wie der Weinstock, so trägt auch die Esskastanie nur in wärmeren Gegenden Früch­te. In Deutsch­land ist der Baum vor allem in den wärmebegünstigten Lagen Süddeutschlands verbreitet. Sein Haupt­vorkommen liegt in der Pfalz, aber auch im Odenwald und im Taunus kommt er vermehrt vor. Seine ursprüng­liche Heimat erstreckt sich von Südeuropa bis Westasi­en. In dem kleinasiati­schen Ort Kastana soll die Esskastanie ehemals sehr verbreitet gewesen sein, woraufhin es zu der Bezeichnung „Kastanie“ gekommen ist – der Zusatz „sativa“ (lat. sativus = gepflanzt) im wissenschaftlichen Namen weist auf die große Bedeutung des Baumes als Kulturpflanze hin. Das harte, zähe Kastanienholz liefert ein erstklassiges Nutzholz. Hilde­gard von Bingen schreibt über die Esskastanie: „Aber ein Mensch, der aus seinem Holz einen Stock macht und diesen in seiner Hand trägt, so dass die Hand dadurch warm wird, dem werden aus dieser Erwärmung die Adern und alle Kräfte des Körpers gestärkt.“

Maronen als Nahrungsmittel

Esskastanienbäume können bis zu 2 000 Jahre alt werden und zählen in Mitteleuropa hinsichtlich des Stammumfanges zu den dicksten Bäumen überhaupt. Die Früch­te dienten früher mancherorts wegen ihres hohen Stärkegehaltes als Grundnahrungsmittel. Umschlossen von einem stacheligen Fruchtbecher fallen sie im Herbst vom Baum. Durch einen Austrock­nungsmechanismus platzt die äußere Hülle auf und gibt mehrere Nüsse, die „Maronen“, frei. Von Nagetieren und Eichelhähern werden sie gefressen oder in Vorratslagern vergraben. Wenn die Verstecke von den Tieren vergessen werden, treiben im Frühjahr neue Pflanzen aus.

Während die Samen der Rosskastanie lediglich in Notzeiten als Nahrungsmittel eingesetzt wurden, lassen sich die schmackhaften Maronen zu vielfältigen Gerichten verarbeiten. Roh schmecken sie mehlig, erst durch das Kochen oder Rösten wird ihre Stärke in Zucker umgewandelt, wodurch sie ihren Nussgeschmack erhalten. Sie werden gebraten, gedünstet oder glasiert und zu Mus, Auflauf, Creme, Pudding und Torten verarbeitet. Auch als Beilage zu Wild- und Geflügel oder gemahlen als Mehl für Brot- und Nudelteig sind sie geeignet.

Kastanien nahmen in den Kochbüchern des 19. und 20. Jahrhunderts einen breiten Raum ein. Wohl wegen des nicht unerheblichen Aufwandes, die schmack­haften Nüsse von der äußeren Schale und auch der inneren Haut zu befreien, hält sich die neuere heimische Küche eher zurück. Dabei gibt es einen Trick:

Man ritzt die Schale mit einem scharfen Messer kreuzweise ein und gibt die Kastanien 3 bis 4 Minuten lang in kochendes Wasser. Von den noch heißen Nüssen lassen sich dann Schale und Haut gut entfernen. Grob gehackt und geröstet, gibt man sie zum Beispiel zu Salat. Ein Püree kann man herstellen, wenn man die geschälten Maronen über Wasserdampf gart bis sie zerfallen. Als Füllung, zum Beispiel für Geflügel, werden die Maronen ebenfalls vorher blanchiert. Nach dem Blanchieren oder als Püree lassen sich Maronen sehr gut einfrieren.

Holen Sie sich doch einmal selber die Kastanien aus dem Feuer: Maronen mit eingeritzter Schale bei nicht allzu starker Hitze im Backofen etwa 20 bis 30 Minuten gebacken, ergeben eine Delikatesse. Oder probieren Sie die Rezepte (siehe Kas­ten) aus. Es lohnt sich!  Gisela Tubes

Kastanientage

Im Oktober finden an der südlichen Weinstraße Kastanientage statt – siehe www.pfalz.de, Link Freizeit & Erleben.

Für Wanderer bietet sich der „Pälzer Keschdeweg“ an: www.keschdeweg.de. LW

Maronen-Püree

Gegarten Maronen werden zuerst mit einem Kartoffelstampfer zerdrückt, anschließend mit dem Pürierstab oder Mixer zerkleinert und mit etwas Sahne, Butter, Zucker, Salz und (wenig) Cognac oder Kirschwasser abgeschmeckt.

Maronen-Dessert

150 g Maronen-Püree, 25 ml Kirschwasser, 1 Eigelb, 100 g weiße Schokolade, 300 g Sahne. Maronen-Püree mit dem Eigelb und dem Kirschwasser verrühren, Schokolade schmelzen und unterrühren. Sahne steif schlagen und unterheben. Kühl stellen. Gisela Tubes