Auch Schweine können sich infizieren

Fragen zur Neuen Grippe an den Tierarzt Franz-Josef Koch aus Gießen

Die Zahl der menschlichen Erkrankungsfälle der Neuen Grippe – oft als Schweinegrippe bezeichnet – steigt stetig an: Mehr als 40 000 registrierte Fälle wurden in Deutschland nach Angaben des Robert-Koch-Instituts mittlerweile registriert und es sollen aktuell etwa 7 000 Neuerkrankungen pro Woche hinzukommen. Damit wächst auch die Gefahr, dass das Virus durch infizierte Personen in Tierbestände getragen wird. Das LW hat den Tierarzt Franz-Josef Koch aus Gießen dazu befragt.

Franz-Josef Koch ist Tierarzt mit eigener Praxis in Gießen.
Foto: privat

LW: In welchem Maße ist die Neue Grippe vom Menschen auf das Schwein übertragbar?
Franz-Josef Koch:
Grundsätzlich ist die sogenannte Artenschranke zwischen Mensch und Schwein eher niedrig, so dass immer mit einer gegenseitigen Infektion gerechnet werden muss. Auch zwischen Geflügel und Schwein ist sie niedrig, zwischen Geflügel und Mensch dagegen eher hoch. Das Schwein wird daher auch als Mischgefäß bezeichnet, in dem Viren von Mensch und Geflügel zusammentreffen und neue Virusvarianten entstehen können.

LW: Wie erfolgt die Übertragung und können auch andere Nutztierarten infiziert werden?
Koch:
Die Übertragung erfolgt über die sogenannte Tröpfcheninfektion, das heißt über kleine Speichelpartikel, die jeder beim Sprechen, Niesen oder Husten ausstößt. Infektionen von Schweinen wurden bisher in Kanada und Irland nachgewiesen, in Südamerika auch die von Puten.

LW: Gibt es in Deutschland bereits Schweinebestände, die nachweislich mit der Neuen Grippe infiziert sind?
Koch:
Bisher sind keine Infektionen von Schweinen mit der Neuen Grippe in Deutschland bekannt, unentdeckte Fälle sind aber nicht unwahrscheinlich.

LW: Welche Symptome treten bei den Tieren auf und wie kann die Erkrankung von anderen Influenza-Viren unterschieden werden?
Koch:
Die Symptome bei Influenza reichen von leichtem Fieber und reduzierter Futteraufnahme bis völliger Apathie, Husten und pumpender Atmung durch Atemnot. Auch können Schweine wie Menschen durch Lungenversagen sterben. Influenzaverdächtig ist die schnelle Ausbreitung eines Krankheitsgeschehens der Atemwege im gesamten Schweinebestand, weniger die Schwere der Erkrankung. Die Unterscheidung von Influenzatypen ist nur durch besondere Laboruntersuchungen möglich, nicht anhand von Symptomen.

LW: Was muss ein Landwirt tun, wenn in seinem Schweinebestand die Neue Grippe festgestellt wurde?
Koch:
Es ist davon auszugehen, dass sich auch die Neue Grippe schnell im Stall ausbreiten würde. Wenn für die Dauer von mindestens drei Wochen keine neuen beziehungweise voll empfänglichen Tiere eingestallt werden, dann dürfte sich das Geschehen von selbst erledigen.

LW: Welche Behandlung erfolgt im Erkrankungsfall bei den Tieren?
Koch:
Eine Behandlung besteht vor allem in der Bekämpfung der Entzündungsreaktion der Lunge mit einem Entzündungshemmer. Je nach bekannter Erregerlage in dem jeweiligen Schweinebestand kann eine begleitende antibiotische Therapie notwendig werden, zum Beispiel gegen die Lungenerkrankung APP.

LW: Welche Vorsichtsmaßnahmen sollten Landwirte einhalten, um eine Einschleppung der Neuen Grippe in die Haustierbestände zu verhindern?
Koch:
Grundsätzlich lässt sich die Einschleppung der Neuen Grippe genauso wenig verhindern wie die Einschleppung einer anderen Grippevariante. Der Zutritt betriebsfremder Personen sollte auf ein Mindestmaß reduziert werden, so wie in der Schwei­ne­haltungshygieneverordnung vorgeschrieben. Als vorbeugende Maßnahme gegen Infektion und nachfolgende Ausscheidung gilt auch hier die Impfung des Betreuungspersonals. Im Erkrankungsfall ist die Behandlung nur mit dem Virustatikum Tamiflu möglich, da das Virus der Neuen Grip­pe gegen den Wirkstoff Aman­­tadin resis­tent ist.

LW: Wie sollten Landwirte sich verhalten, wenn tierbetreuende Personen mit dem neuen Virus inifziert sind?
Koch:
Im Falle einer Erkrankung von Betreuungspersonal beziehungsweise Familienmitgliedern sollte die Nähe zu den Schweinen möglichst reduziert werden. Eine Atemmaske ist außerdem geeignet, die Freisetzung ausgeschiedener Viren zu reduzieren.

LW: Wie lange ist man ansteckend, wann beginnt die Ansteckungsfähigkeit und nach wie vielen Tagen endet sie?
Koch:
Mit der Ausscheidung und möglichen Weiterverbreitung von Viren ist kurz nach der Infektion zu rechnen, mit ersten Anzeichen einer Erkrankung erst etwa drei bis fünf Tage später. Insgesamt ist davon auszugehen, dass man über bis zu zehn Tage Viren ausscheidet und somit potenziell ansteckend ist.

LW: Wird es auch für Schweinebestände eine Impfung gegen die Neue Grippe geben?
Koch:
Es wird bereits an einem solchen Impfstoff gearbeitet, der Einsatz ist jedoch von der Entwicklung der Situation abhängig. Die Fragen stellte Marion Adams