Kinder zwischen Spaß und Freizeitstress

Wie viele Hobbys braucht ein Kind?

Wie viele Hobbys braucht ein Kind? Wo liegen die Grenzen zwischen optimal fördern und überfordern? Was können Eltern tun, damit Freizeitspaß nicht zum Freizeitstress wird? Drei Landfrauen berichten, welche Erfahrungen sie mit ihren Kindern und deren Hobbys machten.

Die Kinder der Familie Brodersen sind begeisterte Wasserratten. Beim Schwimmen kommt die ganze Familie zusammen.

Foto: privat

„Bei uns fing alles sehr früh mit dem Mutter-Kind-Turnen an“, erinnert sich Wiebke Jensen an wöchentliche Turnstunden mit der Tochter. Da war Maja gerade vier Jahre alt. „Über viele Jahre ist sie beim Turnen geblieben. Sie hat sogar andere Gruppenleiter als Vorturnerin unterstützt“, freut sich die dreifache Mutter. Jedes ihrer Kinder sei im Freizeitverhalten unterschiedlich gewesen. „Es brauchte einige Zeit, bis ich das verstanden habe“, gibt die 53-Jährige zu bedenken und erzählt, wie sie ihren jüngsten Sohn Torben ermunterte, in den Fußballverein einzutreten. Schließlich hatte schon sein großer Bruder Malte einen Heidenspaß beim Kampf ums runde Leder und kickte stolz in der Kreisauswahl. „Torben hatte diesen Erfolg nicht. Er war kein Fußballtalent“, stellt die Landfrau rückblickend fest. Er gab das Fußballspielen auf und fand allein heraus, was ihm wirklich Freude macht. Über einen Freund kam er zur Jugendgruppe des Technischen Hilfswerkes (THW). Bis zum 17. Lebensjahr blieb er dort aktives Mitglied. Auf weitere Hobbys hatte er keine Lust.

Kirsten Schilling hat drei Kinder: Joana (12), Elisa (10) und Jorve (3). Pferdenärrin Joana geht seit drei Jahren mit Leidenschaft zum Reitunterricht. Außerdem spielt sie regelmäßig Handball, „um sich auszupowern“. Wirbelwind Elisa muss immer etwas um die Ohren haben: Montag Handball, Dienstag Gitarre, Mittwoch Singen, am Wochenende Handballturniere. Mit Nesthäkchen Jorve geht Kirsten Schilling seit über einem Jahr mit Begeisterung zum Mutter-Kind-Turnen. „Handball ist blöd“, ließ der Kleine schon vermelden, als er seine Schwestern kürzlich zu einem Handballspiel begleitete.

Turnstunden waren auch bei Anja Brodersen der Einstieg ins kindliche Freizeitvergnügen. Mittlerweile sind bei ihren vier Kindern, die zwischen sechs und zwölf Jahre alt sind, eine Menge Freizeitaktivitäten zusammen gekommen: Turnen, Leichtathletik, Theatergruppe, Musizieren, Chorsingen, Schwimmen und Reiten.

Organisation ist alles

Um diverse Fahrdienste kommt die viel beschäftigte Landfrau da nicht herum. „Wir wohnen außerhalb und haben selten die Möglichkeit, uns an Fahrgemeinschaften zu beteiligen“, bedauert die 42-Jährige. „Manchmal fange ich mit dem Melken an, ziehe mich schnell um, hole ein Kind ab, melke weiter und hole dann wieder ein Kind ab“, schmunzelt sie. Organisation sei eben alles. Aber eines steht fest: „Der Sonntag ist uns heilig!“ Da bleiben die Brodersens unter sich und genießen die nicht verplante, freie Familienzeit. „Es muss nicht immer Programm sein“, sind sie und Ehemann Thomas sich einig. Kinder und Jugendliche bräuchten Zeit, in der sie nicht dem Diktat der Uhr oder der ständigen Anleitung Erwachsener unterliegen.

Ausgleich für Schulstress

Alle drei Mütter stellten bei ihren Kindern fest, dass wohldosierte Freizeitaktivitäten ein guter Aus­gleich zum oft stressigen Schul­alltag sind. Das Selbstwertgefühl wird gestärkt, Durchhaltevermögen entwickelt, das Kind findet Anerkennung und lernt, sich in einer Gruppe zu behaupten, zu gewinnen oder zu verlieren. Hobbys sind zudem eine tolle Chance, Dampf abzulassen. Sie trösten über manchen schulischen Misserfolg hinweg. Dabei ist den enga­gierten Familienfrauen eines wichtig: „Das Hobby soll Spaß machen und kein Zwang sein.“ Sie machten jedoch die Erfahrung, dass diese Einstellung durchaus zwei Seiten haben kann: „Auf der einen Seite wollen wir den Kindern die Möglichkeit geben, unterschiedliche sinnvolle Aktivitäten kennenzulernen. Das bedeutet, dass sie nicht gleich bei der ersten Schwierigkeit alles hinschmeißen, sondern Durststrecken meistern, bei der Stange bleiben und Verantwortung übernehmen. Auf der anderen Seite sollte es keinen übermäßigen Leistungsdruck und keine Überforderung geben.“ Kirsten Schilling bringt es auf den Punkt: „Es ist schön, wenn unsere Kinder mit ihren Hobbys etwas erreichen, aber nicht um jeden Preis.“ Sie berichtet, wie Tochter Elisa zum Flöten­unterricht ging und sich fleißig mit dem neuen Instrument abmühte. Trotz intensiven Übens blieben Fortschritte jedoch aus. Schließlich reagierte Elisa mit Magenschmerzen, wenn sie Flöte üben sollte. Mutter Kirsten zog die Notbremse. Heute spielt die Zehnjährige eifrig und mit Erfolg Gitarre.

Fußballspiel „Mütter gegen Söhne“– das fördert das Zusammengehörigkeitsgefühl und zudem haben alle ihren Spaß daran.

Foto: privat

Anja Brodersen legt Wert da­rauf, dass sich ihre Kinder bei den Freizeitaktivitäten realistische Ziele setzen und diese mit gesundem Ehrgeiz verfolgen: „Als meine Kinder mit dem Schwimmen anfingen, habe ich ihnen gesagt, dass das Bronze-Schwimmabzeichen für mich als Ziel da ist. Haben sie das, können sie wählen, wie es mit dem Schwimmen weiter gehen soll.“ Einen Punkt darf man beim Thema „Hobby“ nicht außer Acht lassen: Es kostet Geld. Deshalb können nicht immer alle spontan geäußerten Hobbywünsche in Erfüllung gehen. „Melde ich mein Kind in der Musikschule an, bin ich für eine gewisse Zeit gebunden, auch wenn das Kind nach kurzer Zeit feststellt, dass es nicht das richtige Hobby ist“, so Brodersen.

Zeit sei ebenfalls ein nicht zu unterschätzender Faktor. Bei bestimmten Aktivitäten setzen Vereine voraus, dass Eltern sich aktiv einbringen und ehrenamtliches Engagement zeigen. Wenn man drei oder vier Kinder hat, sei schnell ein zeitlicher Aufwand erreicht, der kaum zu bewerkstelligen ist.

Erst Hausaufgaben, dann Hobby

Auf die Frage, ob die Hausaufgaben unter den Freizeitaktivitäten leiden, verneinen Kirsten Schilling und Anja Brodersen. „Erst Hausaufgaben, dann Hobbys“, lautet die Devise. „Den Kindern ist bewusst, dass bei schlechten Schulnoten die Hobbys eingeschränkt werden müssen, um mehr Zeit zum Lernen zu haben. Das motiviert sie, alles auf die Reihe zu kriegen.“

Fazit: Kindern tut es gut, wenn sie beschäftigt sind und in Vereinen soziale Kontakte knüpfen. Dabei sollten sie selbst entscheiden, wie viele Hobbys sie sich tatsächlich zumuten wollen. Übertriebener Ehrgeiz der Eltern, Überforderung und Terminstress sollten vermieden werden. Das freie Spiel darf nicht zu kurz kommen. Übrigens: Manchmal ist es gut, wenn Kinder einfach nur gähnende Langeweile verspüren. Sie werden dann ganz von alleine kreativ, um ihre innere Leere zu überwinden. Silke Bromm-Krieger

Hilfen im Umgang mit kindlichem Stress

  • Führen Sie gemeinsame Erholungsphasen und Ruherituale ein, zum Beispiel nachmittags eine Vorlesestunde oder ein gemeinsamer Kakao.
  • Bieten Sie Ihrem Kind einfache Spielmaterialien an, die die Motivation zum kreativen Basteln, Bauen und Experimentieren fördern.
  • Spielen Sie mit Ihrem Kind gemeinsam. Das schafft Nähe und Geborgenheit.
  • Körperliche Aktivitäten, gerne mit der ganzen Familie, tun allen gut.
  • Meiden Sie mögliche Stressfaktoren wie Leistungsdruck, volle Terminkalender, Bewegungsmangel, dauernde Fernseh- oder Musikberieselung und zu viele Stunden am Computer.
  • Experten raten: Drei feste Hobbytermine pro Woche sind genug. sbk

 

Ist das Kind überfordert?

Woran erkennen Eltern, dass ihr Kind gestresst und überfordert ist? Körperliche Beschwerden wie Kopfweh, Bauchschmerzen, Schlafstörungen und Appetitmangel können ein Hinweis darauf sein, dass sich das Kind zwischen Hobby und Schule überfordert fühlt. Wirkt es aggressiv, hibbelig, nervös oder hyperaktiv? Zieht es sich zurück, erzählt wenig und wirkt antriebslos? Ist es plötzlich ständig erkältet oder hat es oft andere Infektionskrankheiten? Kommt ihr Kind mit den normalen Anforderungen des Alltags nicht zurecht? Das alles kann Ausdruck von Stress sein. sbk