Waldbesitzer fühlen sich ungleich behandelt

Von der Marwitz: Schieflage bei der Dürrehilfe

Eine Ungleichbehandlung zwischen Landwirtschaft und Forstwirtschaft bei der staatlichen Unterstützung zur Bewältigung von Dürreschäden beklagt der Präsident der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände (AGDW - Die Waldeigentümer), Hans-Georg von der Marwitz. Im Interview mit Agra Europe spricht der AGDW-Präsident von einer „Schieflage“, die dringend beseitigt werden müsse. Er beziffert den Umfang der Mittel, die im Wald allein für die Aufarbeitung der Schäden aus dem vergangenen Jahr notwendig seien, auf 500 Mio Euro. Im Gespräch äußert er sich auch zum Klimawandel, zum Umbau der Wälder und zur Beteiligung seines Verbandes an der öffentlichen Diskussion.

Die Klimadebatte hat an Intensität gewonnen. Begrüßen Sie das?

Von der Marwitz: Ja, außerordentlich. Nirgendwo zeigt sich der Klimawandel in dieser Deutlichkeit wie im Wald. Wir erleben das im Übrigen nicht erst seit dem letzten Dürrejahr. Die Zahl und die Intensität der Stürme haben schon seit längerem zugenommen - mit den entsprechenden Folgen im Wald. Ich bin daher sehr froh, dass das Thema rund um die Auswirkungen des Klimawandels in der Gesellschaft angekommen ist.

Wenn der Wald zu den ersten Leidtragenden des Klimawandels zählt, wie Sie sagen, muss sich Ihr Verband dann nicht noch stärker in der Klimadebatte zu Wort melden als bislang?

Von der Marwitz: Ja. Und das werden wir auch tun.

Wie?

von der Marwitz: Indem wir zum einen noch öfter und noch deutlicher als in der Vergangenheit von den Folgen reden, die der Klimawandel für unsere Wälder hat. Zum anderen werden wir immer wieder aufzeigen, welch wichtige Funktion der Wald hat, wenn wir die Auswirkungen der Klimaveränderungen begrenzen wollen.
Der Wald erfüllt eine gesellschaftliche Aufgabe. Er ist wichtig für unser Klima; er dient als Wasserspeicher, als Luftfilter, zur Rohstoffgewinnung und vielen Menschen zur Freizeitgestaltung. Darüber müssen wir reden.

Im Moment reden die meisten Waldbesitzer über die enormen Schäden, die das Dürrejahr 2018 im Wald angerichtet hat. Wie ist der Stand im Frühjahr 2019?

Von der Marwitz: Laut Bundeslandwirtschaftsministerium sind forstliche Kulturen im Wert von 660 Mio. Euro schlichtweg vertrocknet. Hier muss aufgeforstet werden.

Nach wie vor sind die Holzmassen, die der Trockenheit zum Opfer gefallen sind, noch nicht beseitigt. Das Ministerium schätzt die Schadholzmenge von 2018 und 2019 mittlerweile auf rund 70 Mio. Festmeter. Das entspricht einer Schadenssumme von rund 2,5 Mrd. Euro.

Angesichts der hohen Schadenssumme fordern wir 500 Mio. Euro für die Aufarbeitung der Schäden aus dem vergangenen Jahr.

Für die Landwirtschaft haben Bund und Länder bei deutlich geringeren Gesamtschäden 340 Mio. Euro zur Verfügung gestellt. Für den Forstbereich sind bislang 25 Mio. Euro an Bundesmitteln eingeplant, jeweils 5 Mio. Euro in den nächsten fünf Jahren. Fühlen Sie sich ungerecht behandelt?

Von der Marwitz: Wenn es dabei bliebe, ja. Angesichts der hohen Schadenssumme fordern wir 500 Mio Euro für die Aufarbeitung der Schäden aus dem vergangenen Jahr. Ich gehe nach den bisherigen Äußerungen aus dem Bundeslandwirtschaftsministerium davon aus, dass wir damit nicht auf taube Ohren stoßen. Die bisherige Schieflage in der Unterstützung muss dringend beseitigt werden. Wenn der Staat den Kleinst- und Kleinwaldbesitzern nicht nachhaltig unter die Arme greift und dafür sorgt, dass das Schadholz beseitigt und der Wald für die kommenden Generationen aufgeforstet wird, versündigen wir uns an der Zukunft unser Kinder und Kindeskinder.

Warum tut sich die Politik schwerer mit Hilfen für die Forstwirtschaft als für die Landwirtschaft?

Von der Marwitz: Zum einen konnten wir nicht so rasch belastbare Zahlen über die entstandenen Schäden anbieten, auch deshalb, weil die Schäden langfristiger sind und das ganze Ausmaß nicht sofort sichtbar ist. Die Zahlen hatte der Deutsche Bauernverband schneller bei der Hand.
Daher kommt einem zentralen Schadensmonitoring im Wald eine wichtige Rolle zu. Schließlich spielt sicher eine Rolle, dass die Waldeigentümer zu wenig über ihre Stärken reden und nur in absoluten Notfällen nach dem Staat rufen. Ein solcher Notfall ist jetzt aber zweifelsfrei gegeben.

Extremwetterereignisse werden allen Vorhersagen zufolge weiter zunehmen, damit auch die von ihnen angeführten „absoluten Notfälle“. Werden Sie ihre bisherige Zurückhaltung gegenüber staatlichen Hilfen aufgeben?

Von der Marwitz: Nochmal, wir sind nicht diejenigen, die ständig nach dem Staat rufen. Ich bleibe bei meiner Zurückhaltung gegenüber staatlichen Hilfen. Das habe ich übrigens auch bei den Dürrehilfen für die Landwirtschaft sehr deutlich gemacht. Ich halte es für eine große Herausforderung, einen angemessenen und allen gerecht werdenden Ausgleich von Ernteschäden praktikabel zu gestalten, und möchte darüber hinaus nicht in Abhängigkeiten geraten.
In unserem Fall geht es aber nicht darum, entgangene betriebliche Gewinne auszugleichen. Vielmehr müssen wir alles unternehmen, die immensen Schäden, die der Gesellschaft durch die große Trockenheit entstehen, so gering wie möglich zu halten.
Ein Großteil der 1,8 Mio. Waldbesitzer bringt ein hohes Maß an Idealismus auf, um den Wald zu erhalten. Wenn wir denen jetzt nicht bei der Beseitigung der Schäden unter die Arme greifen, werden viele davon diesen Idealismus in Zukunft nicht mehr mitbringen.
Bereits jetzt werden 5 bis 6 Prozent der Waldflächen nicht bewirtschaftet. Steigern wir diesen Anteil, leisten wir dem Klimaschutz einen Bärendienst.

Das käme zumindest der Forderung von Natur- und Umweltschutzverbänden entgegen, mehr Wald aus der Bewirtschaftung zu nehmen, um ihn stabiler zu machen…

Von der Marwitz: Aus meiner Sicht wäre das klimapolitisch unverantwortlich. Bereits jetzt werden 5 bis 6 Prozent der Waldflächen nicht bewirtschaftet. Steigern wir diesen Anteil, leisten wir dem Klimaschutz einen Bärendienst. Den Wald als CO2-Senke können wir nur ausschöpfen, wenn wir aus dem wertvollen Rohstoff Holz langlebige Wirtschaftsgüter machen und auch eine energetische Nutzung ermöglichen. Auch seine Funktionen als Wasserspeicher und Luftfilter kann der Wald am besten erfüllen, der nachhaltig genutzt wird.

Seit vielen Jahren wird davon gesprochen, den Wald umzubauen, um ihn widerstandsfähiger zu machen gegen Extremwetterereignisse. Wie ist der Stand?

Von der Marwitz: Der Umbau ist seit Jahrzehnten im Gange. Versäumnisse in der Züchtung von trockenresistenteren Sorten lassen sich jedoch nicht von heute auf morgen aufholen. Aber es gibt gute Ansätze. Wir müssen darüber hinaus genau schauen, welche Baumarten an welchen Standort passen, und zwar aus Klimasicht, aber auch unter ökonomischen Gesichtspunkten.

Es gab Diskussionen über nicht heimische Baumarten; ein Beispiel ist die Douglasie. Sind die überwunden?

Von der Marwitz: Nicht überall. Zum Teil hängt es an der Couleur der jeweiligen Landesregierung. In Bayern beispielsweise ist der Waldumbau in vollem Gange. Da wird ganz offensiv mit der Douglasie und mit der Roteiche gearbeitet. Da wird ganz selbstverständlich auch über Esskastanien nachgedacht, und da kommt die japanische Lärche zum Einsatz. Andere Länder sind an dieser Stelle zurückhaltender. Ich kann nur dringend dazu raten, die Ideologie in der Diskussion um sogenannte Neophyten außen vor zu lassen.

Angesichts der aktuellen Situation fordern Sie Unterstützung für die thermische Verwertung von Schadholz in Großfeuerungsanlagen. Mit welchem Ziel?

von der Marwitz: Um Missverständnissen vorzubeugen: Es handelt sich dabei um eine Notfallmaßnahme, um das Schadholz und das Käferholz schnell aus den Wäldern zu bekommen und einer erneuten Schädlingsexplosion entgegenzuwirken. Darüber hinaus könnte dies zu einer Entlastung des Holzmarktes führen, der zurzeit mit Holz geflutet wird. Aber auch an dieser Stelle brauchen wir Unterstützung.

Was erwarten Sie neben der Hilfe für die Schadholzbeseitigung von der Politik?

Von der Marwitz: Geholfen wäre uns bereits mit einer erleichterten Anwendung des Forstschäden-Ausgleichsgesetzes. In bestimmten Situationen muss der Holzeinschlag in Wäldern, die in der Hand von Bund und Ländern sind, beschränkt werden können, um damit ein Überangebot auf dem Rohholzmarkt zu kompensieren und Marktstörungen zu beheben. Daher brauchen wir eine Reform dieses Gesetzes, das aus dem Jahr 1969 stammt. Wir brauchen steuerliche Erleichterungen vor allem für kleine Waldbesitzer, und wir müssen alles tun, um den Wald widerstandsfähiger zu machen. Das geht nicht ohne Unterstützung. Deswegen habe ich einen „Pakt für den Wald“ vorgeschlagen. Wesentliche Elemente habe ich genannt. Wir müssen stärker in die Gesellschaft hineinwirken, um ein Bewusstsein dafür zu schaffen, was der Wald für uns leistet und was wir für den Wald leisten müssen. Dazu müssen wir reden mit der Politik, mit gesellschaftlichen Gruppen, insbesondere mit den Umweltverbänden.

Ihr Vorgänger war ebenfalls mit dem Vorsatz angetreten, eine neue Gesprächskultur mit den Umweltverbänden zu finden. Das war 2010. Fünf Jahre später ist er vom NABU mit dem Dinosaurier des Jahres 2015 ausgezeichnet worden. Was lässt Sie hoffen, dass Ihnen das besser gelingt?

Von der Marwitz: Die ersten Wochen meiner Amtszeit und viele Gespräche mit Vertretern von Umweltverbänden, die auf mich zugekommen sind, haben bei mir den Eindruck entstehen lassen, dass man es miteinander versuchen will. Die Waldbesitzer verweigern sich nicht, wenn es um die Erhaltung der Biodiversität geht.

Sie setzen sich seit Jahren kritisch mit den Entwicklungen auf dem landwirtschaftlichen Bodenmarkt auseinander und warnen vor dem Einstieg außerlandwirtschaftlicher Großinvestoren. Sehen Sie ähnliche Tendenzen im Wald?

Von der Marwitz: Nein. Solche Entwicklungen, dass Großinvestoren durch die Lande ziehen und in Größenordnungen Wald aufkaufen, sind mir bislang nicht zu Ohren gekommen. Ich kenne große Waldbesitzer, die als Eigentümer sehr verantwortungsvoll wirtschaften und – für den Wald ganz entscheidend – in Generationen denken.
age – LW 17/2019