„Zusammenhalten und miteinander rudern“

Informative Vertreterinnenversammlung in Nieder-Florstadt

„Unser Landfrauenverband ist 70 Jahre alt. Gemeinsam haben wir schon viel erreicht und mitgestaltet. Dankbar und stolz können wir darauf zurückblicken. Doch wie geht es zukünftig weiter?“, fragte Landfrauenpräsidentin Hildegard Schuster die rund 400 Landfrauenvertreterinnen vergangene Woche im Bürgerhaus in Nieder-Florstadt.

Sei man früher in Zeiten des Mangels zusammengerückt, würde heute eher jeder sein Eigenes verteidigen und weniger solidarisch sein, bemerkte Schuster nachdenklich. Sie informierte über Austritte und unbesetzte Positionen in den Vereinen. „Unsere Arbeit lebt von dem Zusammenhalt und von einem fairen Umgangston. Wir sollten unsere guten Verbindungen nutzen, uns nicht zerreißen lassen und miteinander, statt gegeneinander rudern!“, sagte die Präsidentin. „In unserem Landfrauenverband sollten wir weiterhin Fragen der Gegenwart und Zukunft gemeinsam angehen. Ohne Ihre Mithilfe geht das nicht!“, forderte sie die Landfrauen zum guten Miteinander und Engagement im Verband auf.

Für den Jahresrückblick verwies Schuster auf den Jahresbericht. Exemplarisch stellte sie einige Veranstaltungen und Treffen vor. Sie dankte den Landfrauen für die tatkräftige Unterstützung unter anderem beim Hessentag in Korbach und beim Deutschen Landjugendtag in Fritzlar. „Mit unserer Ausstellung über die heimischen Superfoods haben wir den Nerv der Verbraucher getroffen“, sagte Schuster. Auch die Flyer mit den Forderungen der Landfrauen, den sogenannten „Wahlprüfsteinen“ hätten für Aufmerksamkeit gesorgt. „Lassen Sie uns gemeinsam Weitermachen, und zwar mit Herzblut!“, rief Schuster den Delegierten zu.

Einfühlsamer Vortrag über das Thema Pflege

Michaela Griesel, Pflegeberaterin von der SVLFG, informiete über das Pflegestärkungsge­setz (PSG) II. Mit vielen Beispielen aus ihrem Beratungsalltag gelang es der Expertin, die komplexen Inhalte rund um Pflegegrad, Pflegegeld, Tages- und Verhinderungspflege sowie andere Leistungen von der Pflegekasse, die sowohl den Pflegebedürftigen als auch den pflegenden Personen zustehen, zu vermitteln. Ziel des PSG II sei es, die Bedürfnisse von Menschen mit Demenz und Menschen mit geistigen oder psychischen Einschränkungen ebenso zu berücksichtigen wie die Bedürfnisse von Menschen mit körperlichen Einschränkungen. Mit der Umstellung von drei Pflegestufen auf fünf Pflegegrade habe sich auch die Begutachtung verändert. Ging es früher darum, wie viele Minuten für die Mahlzeitenaufnahme oder für das Duschen einer pflegebedürftigen Person benötigt wurden, würde heute ermittelt, was die Person noch selbst machen kann. Griesel nannte Beispiele: Kann ein Diabetiker sich selbst Insulin spritzen oder seine Tabletten einnehmen? Kann der Pflegebedürftige seinen Haushalt noch selbst bewältigen? Lebt er vereinsamt? Für die Begutachtung würden sechs Module he­rangezogen, die die Selbstständigkeit in puncto Mobilität, psychische Stimmung, Selbstversorgung, Gestaltung des Alltagslebens bis hin zu den sozialen Kontakten erfassen.

Gut zu wissen sei es, dass jeder einen gesetzlichen Anspruch auf Pflegeberatung habe. „Diese können wir telefonisch oder auch bei Ihnen zu Hause durchführen. Es geht dabei in der Regel darum, die Pflege möglichst im heimischen Umfeld zu organisieren. Hier gilt der Wunsch: ambulant vor stationär“, so Griesel. Zu den Beratungsaufgaben würden neben der Organisation der Pflege und den Leistungen der Pflegekasse beispielsweise auch Unterstützung im Betreuungsrecht (Ausfüllen von Vollmachten und Patientenverfügung) sowie die fachliche Wohnraumberatung (Treppenlifteinbau oder Türschwellenentfernung) gehören.

Entlastungsbeitrag sorgt für Diskussion

Griesel informierte, dass es Geld­leistungen von der Pflegekasse ab Pflegegrad 2 gibt, derzeit 316 Euro. Beim Pflegegrad 5 sind es 901 Euro. „Beim Pflegegrad 1 wurde Demenz mit aufgenommen. Bei diesem Pflegegrad wird kein Pflegegeld ausgezahlt. Dafür gibt es einen sogenannten Entlastungsbetrag von 125 Euro im Monat“, erklärte die Pflegeberaterin. Dieser kann für Tages- und Nachtpflege, Kurzzeitpflege, für Angebote zur Unterstützung im Alltag und auch für haushaltsnahe Dienstleistungen genutzt werden. Vo­raussetzung ist jedoch, dass diese Aufgaben von geschulten Ehrenamtlichen oder von professionellen Pflegern der nach Landesrecht zugelassenen Anbieter übernommen werden. Unbefriedigend sei, so Griesel, dass der Entlastungsbetrag – gerade für die so notwendigen haushaltsnahen Dienstleistungen – fast nicht abgerufen werden könne, da die ambulanten Pflegedienste dafür praktisch keine personellen Kapazitäten frei hätten. Dies sorgte für Diskussion unter den Landfrauen. Sie kritisierten, dass andere Anbieter hauswirtschaftlicher Dienstleistungen, wie die Servicebörsen der Landfrauen, nach Landesrecht nicht zugelassen seien. „Wir werden angefragt, würden gerne unterstützen, dürfen diese Leistung aber nicht anbieten, weil unsere Mitarbeiterinnen keine pflegerische Grundausbildung absolviert haben. Dagegen spielt es bei der Auszahlung von Leistungen für die Verhinderungspflege keine Rolle, ob der Nachbar, der zum Beispiel Automechaniker ist, eine Schulung durchlaufen hat.“ Die Delegierten waren sich einig, dass sich hier etwas ändern müsse.

„Hauptpflegepersonen sind die Frauen. Mit Pflege, Betrieb und Haushalt sind sie Mehrfachbelastungen ausgesetzt. Es ist wichtig, für Entlastung zu sorgen“, bemerkte Griesel und verwies unter anderem auf die Trainings- und Erholungswochen der SVLFG.

Förderung der ländlichen Regionen

Mit der Offensive „Land hat Zukunft – Heimat Hessen“ unterstützt die Landesregierung seit Februar die ländlichen Regionen, mit dem Ziel, sie für die Zukunft zu stärken. Gefördert werden Maßnahmen, die das Leben in ländlichen Städten und Gemeinden attraktiv und für die Zukunft nachhaltig gestalten sollen. Dafür werden 2018 und 2019 rund 1,8 Mrd. Euro Landesmittel eingesetzt. Drei Regionalbeauftragte sind Ansprechpartner vor Ort. Tobias Scherf ist einer davon und für die Region Nordhessen zuständig. Er informierte über bislang geförderte Projekte beziehungsweise gestellte Projektanträge, darunter freie WLAN-Hotspots, Bürgerbusse, das Schülerticket Hessen, die Sanierung/Modernisierung von Schwimmbädern und die Förderung von Dorfkinos. Zum Projekt „Starkes Dorf – Wir machen mit!“ rief Scherf die Landfrauen auf, ab Januar 2019 Anträge zu stellen, „falls Sie Projekte unterstützt haben wollen, mit denen Sie mehr Leben ins Dorf bekommen beziehungsweise den Zusammenhalt in Ihrem Ort stärken können“. Anträge unter landhatzukunft.hessen.de/leben-vor-ort/zusammenhalt.

Glockengeläut aus Bad Hersfeld

Fabienne Sinick, Beisitzerin im Landesvorstand, stellte Veranstaltungen vor, die der LFV Hessen in der nächsten Zeit anbietet, so zum Beispiel zwei Seminare zum Thema Social Media, die Ende November in Friedrichsdorf stattfinden.

In einem Mönchskostüm und begleitet vom Glockenton der Stiftskirche, die nur zu besonderen Anlässen läutet, lud Brigitte Weitz, Vorsitzende des BV Bad Hersfeld die Landfrauen zum nächsten Landfrauentag auf dem Hessentag nach Bad Hersfeld ein. Dieser findet nicht wie sonst in einem Zelt, sondern in der Stiftskirche statt – am Donnerstag, den 13. Juni 2019.

Die Vertreterinnenversammlung schloss Ursula Pöhlig, erste stellvertretende Vorsitzende des LFV Hessen, mit einem Rückblick auf die informative Ver­anstaltung.

SL – LW 47/2018