Fair Play für den heimischen Zuckerrübenanbau gefordert

Schlechte Stimmung bei hessisch-pfälzischen Rübenanbauern

Der Zuckermarkt steckt in der Krise. Entsprechend schlecht ist die Stimmung der Zuckerrübenanbauer, die vergangenen Dienstag in Gernsheim im Rahmen der Landwirtschaftswoche Südhessen an der Winterversammlung des Hessisch-Pfälzischen Zuckerrübenanbauerverbandes teilnahmen. Die Südzucker plant ein Restrukturierungsprogramm, das auch Werkschließungen vorsieht.

Das Extremjahr 2018 mit der langen Trockenheit und den hohen Temperaturen bis in den Herbst hinein hat deutliche Spuren hinterlassen. „Die Erträge und Qualitäten aller Kulturen haben gelitten, die Ertragseinbußen wurden nicht in gleichem Maße durch steigende Preise aufgefangen“, sagte Dieter Markgraf, Mitglied im Ausschuss des Verbandes der Hessisch-Pfälzischen Zuckerrübenerzeuger bei der Begrüßung der zahlreich erschienen Zuckerrüben-Anbauer am vergangen Dienstag in der Stadthalle Gernsheim. Und auch die Preise für Zucker und damit für die Zuckerrüben seien niedrig. „Die Stimmung unter uns Landwirten ist nicht euphorisch“, rief er den Vertretern des Verbandes und von Südzucker auf dem Podium zu.

Das weiß auch Verbandsvorsitzender Walter Manz, der in seiner Rede ebenfalls den schwachen Zuckermarkt und die regional teilweise niedrigen Zuckerrübenerträge ansprach. Im Durchschnitt wurden im Verband 64,2 t/ ha mit 19 Prozent Zucker geerntet, die Kampagne war mit 97 Tagen gut einen Monat kürzer als geplant.

Manz verteidigte die Linie des Verbandes, die Ausdehnung des Rübenanbaus beim Wegfall der Zuckermarktordnung mitgetragen zu haben. „Die Strategie der Mengenausdehnung war schlüssig“, sagte er. Man habe sich mehrere Jahre auf den Wegfall der Quote vorbereitet und dabei einen Zuckerweltmarkt mit einigermaßen berechenbaren Größen, einer steigenden Zuckernachfrage und auskömmlichem Preisniveau sowie ein stabiles politisches Umfeld eingeplant.

Der Wettbewerb funktioniert nicht

Doch nun sei alles anders: „Es war nicht denkbar, dass die Politik uns ständig Knüppel zwischen die Beine wirft.“ Manz sprach damit die immer dünner werdende Pflanzenschutzmittelpalette bei gleichzeitig steigendem Schädlings- und Krankheitsdruck an und den Wegfall der neonikotinoiden Beizen. „Das ist ein Problem für uns. In vielen Ländern der EU gibt es Sonderzulassen für Beizen und teilweise auch für die Anwendung“, so Manz.

Außerdem hätten der Verband und die Zuckerfabriken darauf gesetzt, dass wettbewerbsschwache Standorte schnell aus der Produktion ausscheiden. „Das Gegenteil ist der Fall. In Osteuropa gibt es viele Länder, die gekoppelte Prämien eingeführt haben und den Erzeugern damit Prämien von bis zu 90 Euro/t Zucker zahlen, das entspricht ungefähr einem Preisvorteil von 15 Euro/t Zuckerrüben.“

Der Weltmarkt ist nach den Ausführungen von Manz von Indien geprägt, dass die Zuckererzeuger mit hohen Prämien belohnt und überraschend zum größten Weltzuckererzeuger geworden ist und Übermengen am Weltmarkt absetzt. „Dabei hat Indien die EU wegen ihrer Stützungspolitik vor der WTO verklagt und damit maßgeblich zur Abschaffung der Zuckermarktordnung beigetragen.“

Strategische Neuausrichtung von Südzucker gefordert

Angesichts fallender Zuckerpreise fordert der Verband von Südzucker eine strategische Neuorientierung. „Wenn die Situation auf dem Weltmarkt so bleibt, brauchen wir eine Ausrichtung an der EU-Binnennachfrage“, machte Manz deutlich. Zumal die Produktionskosten im Rübenanbau und in den Zuckerfabriken durch politische Entscheidungen deutlich erhöht wurden. Manz sagte aber auch deutlich: „Eine hoher Ausnutzungsgrad der Fabriken ist wirtschaftlich notwendig!“ Lieferrechte blieben die Basis für die Lieferung, es seien allerdings künftig wieder niedrigere Ausnutzungsgrade möglich, was gleichzeitig die Wertigkeit der Lieferrechte steigere. Die Verzinsung und Dividende sei gleichgeblieben, zusätzlich habe es eine einmalige Sonderdividende gegeben.

Forderungen von Rübenanbauern, alle Rüben, also auch die Überrüben, zum Kontraktrübenpreis abzurechnen, erteilte er eine Absage. „Die Preise sind noch in Verhandlung. Aber auch die Überrüben abzurechnen, würde vor allem den bayerischen Erzeugern dienen, denn dort sind die meisten Überrüben angefallen.“ Die hohen Beregnungskosten der Erzeuger im Verbandsgebiet könnten auf diese Weise nicht eingepreist werden. Manz rief die Erzeuger dazu auf, sich nicht vom Rübenanbau zu verabschieden. „Wir haben hier in der Region die besten Voraussetzungen. Wir brauchen aber die Zustimmung der Erzeuger, den Rübenanbau beizubehalten. Die Region, die sich jetzt aus dem Rübenanbau verabschiedet, verabschiedet sich für immer.“ Zudem habe auch der Rheinland-Pfälzische Landwirtschaftsminister gemeinsam mit dem Landwirtschaftsausschuss die Unterstützung für die Rübe zugesichert. „Wir brauchen aber ein Fair Play für den heimischen Zuckerrübenanbau“, schloss Manz.

Rübensparte mit tiefroten Zahlen

Dr. Georg Vierling von der Südzucker erwartet für den Konzern im Geschäftsjahr 2018/19 zwar ein positives Ergebnis von mindestens 25 Mio. Euro. Dafür sorge die Diversität des Unternehmens mit vier Säulen. Aber die Zuckersparte, die den Hauptanteil ausmacht, wird zwischen 150 und 250 Mio. Verluste einbringen. „Das Minus kommt ausschließlich aus dem letzten halben Jahr“, so Vierling. Eine Überprüfung der eingeschlagenen Strategie sei zwingend notwendig. Es sei klar gewesen, dass die Preise volatil sind, es sei auch klar gewesen, dass die Preise sinken.

Vorwürfe, dass bei Zucker dasselbe passiere wie bei Auslaufen der Milchquote, wies er zurück. „Anders als bei der Milch beeinflussen die Zuckermengen in der EU den Weltmarkt nicht“, erklärte Vierling. Das tue allerdings Indien, die den Sektor mit 650 Mio. Euro Subventionen stütze und Überschüsse auf den Weltmarkt exportiere. Und auch innerhalb der EU gebe es Wettbewerbsverzerrungen. „Elf Mitgliedstaaten gewähren gekoppelte Zahlungen“, sagte er. Auch Vierling beklagte, dass in Deutschland ebenso wie in Frankreich eine Notfallzulassung der Beizen auf Neonikotinoid-Basis „ein no go“ ist und auch eine Zulassung von Conviso Smart in Deutschland bislang nicht zu erwarten ist. „Und nicht zuletzt verteuern die höheren Umweltauflagen wie der jetzt beschlossene Kohleausstieg die Arbeit der Zuckerfabriken“, sagte Vierling. Auch das müsse bei der strategischen Neuausrichtung der Südzucker bedacht werden.

Anbauer diskutierten

Die Erzeuger sehen die Zuckerrübe in den Betrieben trotz aller Beteuerungen von Manz und Vierling kritisch. Sie fürchten um die Wettbewerbsfähigkeit der Frucht. Es gab aber auch Stimmen, die davor warnten, auf alternative Kulturen wie beispielsweise Kartoffeln umzusteigen. Auch hier sei der Markt gesättigt.

Und es gibt durchaus gute Gründe, die Zuckerrübe auch in einer Phase schwächerer Preise im Betrieb zu halten, wie Christine Wendel vom Anbauerverband hervorhob. So sei die Zuckerrübe als Tiefwurzler in der Lage, Wasser und Nährstoffe aus tieferen Bodenschichten aufzunehmen und hinterlasse niedrige Restnitratwerte oder gar negative N-Salden. „Die Zuckerrübe bietet Spielraum in der Düngebilanz“, erklärte Wendel. Nicht zuletzt lockere sie als Blattfrucht getreidelastige Fruchtfolgen auf und habe phytosanitäre Vorteile.

Außerdem komme sie gut mit dem Klimawandel zurecht. „Die Zuckerrübe bleibt ein wertvolles Fruchtfolgeglied. Sie ist mehr als der reine Marktwert, denn die Anbauer generieren zusätzliche Einnahmen in Form von Zinsen und Dividenden für die Lieferrechte“, lautete das Fazit von Christine Wendel.

Geschäftsführer Dr. Christian Lang verwies auf die hohe Wertschöpfung, die das Südzuckerwerk in Offstein generiert und von der auch so mancher Rübenerzeuger profitiert, weil er als Dienstleister im Bereich Mietenpflege oder innerhalb einer Transportgruppe tätig ist. „Wenn Offstein geschlossen werden sollte, weil die Unterstützung durch die Anbauer fehlt, ist der Zuckeranbau in der Region tot“, stellte der Geschäftsführer klar. Es sei viel Effizienz bei den Transportgruppen erreicht worden, und auch die Forschungsaktivitäten des Verbandes hätten den Rübenanbau in der Region deutlich vorangebracht.

Lang verwies darauf, dass die Anbauer nun auch internationale Hochertragssorten im nematodentoleranten Bereich ordern können und dass der Verband auch in der Forschung zu neuen und alten Schädlingen und Krankheiten am Ball bleibt. So wird künftig ein Warndienst für den Blattlausbefall sowohl in Rheinland-Pfalz als auch in Hessen initiiert.

Ibs – LW 6/2019