Harte Arbeit bewältigen

Körper und Seele sind im Einsatz

Wer hart arbeitet, verdient Anerkennung. Was aber fällt unter „hart arbeiten“? Nur das, wo Schweiß fließt oder sichtbare Ergebnisse vorliegen? Peter Jantsch, Diplom-Agraringenieur und systemischer Coach, geht auf Spurensuche.

Martin hatte Streit mit seinem Vater. Das Silo war fertig geerntet und abgedeckt, das Wintergetreide war gedroschen, der Hafer noch nicht reif. Die letzten Tage hatte es endlich mal ausgiebig geregnet. Es war ein herrlicher Spätsommertag – und Martin wollte das gute Wetter und den nassen Boden nutzen und einen Tag mit seiner Frau Christina und den kleinen Kindern freimachen. Das wäre außer der Reihe, und so sprach er das mit seinem Vater Karl ab.

Dieser reagierte überraschend gereizt. Zwar nickte er dazu, dass er die Stallzeiten übernehmen würde, aber er schimpfte über die jungen Leute, die immer nur frei haben wollten. Er hätte den Betrieb mit harter Arbeit aufgebaut, er und seine Frau, und am Anfang hätten sie nie frei gehabt. Und dann kamen ja auch die Kinder. So lange nicht fertig geerntet und die neue Saat im Boden ist, solange noch Arbeit herumliegt an allen Enden – und er zeigte diffus einmal über die Hofstelle – müsse man arbeiten, und nicht freimachen.

Karl ging knurrend über den Hof und Martin nachdenklich in seine Wohnung. Er erzählte es Christina. Sie nahm ihn in den Arm und erinnerte ihn daran, wie sie zusammen um ihre gemeinsame Vision gerungen hatten, ob sie den Hof übernehmen und wie sie ihn führen wollten. Wie sie sich auseinandergesetzt hatten, und wie es einen Moment gegeben hatte, wo sie beide nicht mehr sicher waren, ob sie das gemeinsam machen wollten oder nicht. Dies auszuhalten und trotzdem weiterzugehen bis sie so weit waren, zusammen einen festen Entschluss zu fassen, das war harte Arbeit.

Und sie erinnerte ihn daran, wie sie so lange überlegt hatten, wie das mit den Kälbern gehen könnte, dass es nicht mehr den Ablauf beim Melken stört, bis sie eine Lösung gefunden hatten. Auch das war harte Arbeit. Martin lächelte ein bisschen.

Wichtiges geklärt

Christina erinnerte ihn auch an seinen Meisterball. Da kannten sie sich noch nicht lange. Er hatte ordentlich gefeiert und zwei oder drei Bier mehr getrunken als üblich. Christina war verletzt, weil sie das Gefühl hatte, er würde sie aus den Augen verlieren und sich nicht mehr um sie kümmern. Sie machte ihm eine Szene und sie stritten sich am nächsten Tag, so lange, bis Christina verstanden hatte, was diese Meisterfeier für ihn bedeutete, und Martin verstanden hatte, warum sich Christina so allein gelassen fühlte an diesem Abend. Und sie sich anschließend aufrichtig um Verzeihung gebeten hatten. Das war auch harte Arbeit gewesen. Martin erinnerte sich – nicht gern, aber sie hatten da etwas sehr Wichtiges miteinander geklärt. Das war alles harte Arbeit – nur sah man sie von außen nicht. Christina küsste ihn. Und dann packten sie gemeinsam und fuhren los.

Harte Arbeit kann sehr verschieden sein. Dazu gehört: Lange auf einem Traktor sitzen und pflügen, Mais fahren, Wein lesen. Körperlich schwer arbeiten, kraftzehrende Arbeit tun. Der Schweiß fließt nur so, körperliche Erschöpfung setzt ein, Müdigkeit oder Muskelkater ist gewiss. Wenn dabei viel beschickt wird und man gut vorankommt, ist das oft sehr befriedigend.

Ungeliebtes muss auch erledigt werden

Es ist aber auch harte Arbeit, Dinge zu tun, die getan werden müssen, zu denen man sich aufraffen muss. Arbeiten, gegen die man einen Widerwillen hat. Oder mit denen man sich nicht sicher oder vertraut fühlt, beispielsweise Papiere, die ausgefüllt werden müssen, ohne sie wirklich zu verstehen. Oft ist dann der Kampf gegen den eigenen Widerstand das, was Kraft zehrt oder die Laune verdirbt. Zu lernen, Arbeiten zu erledigen, die getan werden müssen, ohne gegen sie einen sinnlosen Kampf zu führen, das ist harte Arbeit und führt oft zu einem großen Gewinn.

Es gibt auch Arbeiten, die einen daran erinnern, dass etwas noch nicht befriedigend läuft, oder wo einem in der Vergangenheit ein Fehler unterlaufen ist, dessen Folgen heute noch zu spüren sind. Zum Beispiel die dunkle Kälberbox im alten Stall ausmisten, wo mehrere Kälber Durchfall hatten. Da ist dann meistens nicht die Arbeit das Problem, sondern die Erinnerung an das Gefühl einer Niederlage oder eines ungelösten Problems. Über diese Schwelle des schlechten Gewissens, der Scham oder der Wut zu schreiten, das ist auch harte Arbeit. Der Lohn ist immens, wenn es gelingt, daraus zu lernen und sich in zukünftigen Situationen anders zu verhalten.

Es ist ebenfalls harte Arbeit, Position zu beziehen und sich jemanden in den Weg zu stellen, wenn man anderer Meinung ist oder das Gefühl hat, das stimmt nicht, was der andere sagt oder tut. Was noch dazu zählt: Einen konstruktiven Streit führen. Im Gefühl der Disharmonie und der Distanz eine Brücke zum anderen hin bauen. Gegen den Drang sich zu verschließen, auf den anderen zugehen. Über Verletzungen reden. Dem Anderen zuhören. Um Verzeihung bitten oder Verzeihung anbieten.

Es ist auch harte Arbeit, Tag für Tag in den Spiegel zu schauen und sich Rechenschaft abzulegen, ob man auf dem „richtigen Weg“ ist. Sich klar darüber zu werden, was man wirklich will, und ob das, was man täglich tut, dem entspricht.

Sich Hilfe holen

Es kann auch harte Arbeit sein, zu akzeptieren, dass einem bestimmte Dinge trotz bestem Willen und echtem Engagement nicht so gelingen, wie man sich das wünscht oder wie es notwendig wäre. Dann erfordert das Mut und kostet große Überwindung, um Hilfe oder Unterstützung zu bitten, oder sich aufzumachen, etwas Neues zu lernen. Und es ist harte Arbeit, dieses Neue einzuüben und durchzuhalten, Tag für Tag.

Wann ist etwas „harte Arbeit“?

Was aber ist der Maßstab, welches Engagement „harte Arbeit“ ist und Wertschätzung, Respekt und Anerkennung verdient? Wenn Schweiß fließt, Schmerzen auftreten oder es auch für andere Menschen eine Zumutung wäre? Ist Arbeit mehr wert, wenn sie hart ist, als wenn sie leicht von der Hand geht? Darf „harte Arbeit“ auch Spaß machen, oder ist es dann keine „harte Arbeit“ mehr – und verdient deswegen keine Anerkennung?

Der Maßstab dafür kann nicht nur das sichtbare Ergebnis sein, sondern die persönliche Leistung, und wie diese zum Erfolg des Gesamtergebnisses beiträgt.

Es geht dabei nicht nur um das erzielte Ergebnis, sondern auch um den Weg dorthin. Es geht auch um die Art, wie man diesen Weg geht, um die Qualität des Tuns und um den Prozess, der das Ergebnis erst ermöglicht.

Dabei sollte man die Bewertung, ob das Engagement werthaltig oder erfolgreich ist, weitgehend selbst übernehmen und nicht den anderen überlassen.

Bei den sichtbaren Ergebnissen, die man anfassen oder messen kann, ist es vergleichsweise einfach zu benennen, was Erfolg ist. In den anderen Fällen geht es um die eigene Definition von Erfolg, um die persönlichen Werte, die maßgeblich für die Bewertung sind. Zu leicht stellt man sein Licht unter den Scheffel und erkennt nur sichtbaren Erfolg an. Oder man überlässt die Bewertung anderen. Oft wird das Engagement dann abgewertet oder man wartet auf die Anerkennung von außen. Und wenn die dann ausbleibt, hinterlässt das Enttäuschung und das Gefühl der Minderwertigkeit.

Nein, harte Arbeit verdient Anerkennung und Respekt. Zumindestens von einem selber: Zu Recht darf man stolz auf sich sein.

www.veraenderung.jetzt – LW 29/2019