Mit dem Kinderwingert Interesse wecken

Alexandra Becker hat gern Kontakt mit Verbrauchern

Geduld ist eine wichtige Voraussetzung für die Aufgabe von Alexandra Becker aus Mainz-Ebersheim. 27 Kinder einen Samstagvormittag lang in einem Weinberg zu beschäftigen, ist eine spezielle Herausforderung. Die Ruhe dazu hat sie. Unterstützung bekommt sie von ihrer Familie.

„Alex, wann kommst du zu mir?“ „Ich bin fertig, was soll ich jetzt machen?“ „Muss der Winzer das auch alles machen, was wir tun?“ Solche und ähnliche Fragen prasseln auf Alexandra Becker ein, wenn sie mit „ihren“ Kindern im Kinderwingert arbeitet. Und die Sechs- bis Zwölfjährigen müssen genau die Arbeit machen, die auch der Winzer zu erledigen hat. Beim ersten Treffen im April ist beispielsweise Rebenschneiden und Biegen angesagt. Natürlich erklärt sie den Kindern vorab, was zu tun ist. Dennoch ist die zu verrichtende Arbeit für die Schüler ungewohnt. Alexandra Becker zeigt jedem Kind, welche Reben es wo abschneiden muss – acht Augen über dem Ansatz. „Wir lassen eine schöne Rebe für die nächste Lese stehen, damit du deinen Traubensaft im Herbst trinken kannst.“ Anschließend werden die abgeschnittenen Reben herausgezogen, die verbleibenden gebogen und schlussendlich am Draht befestigt. Die Kinder haben viele Fragen nebenbei, die die Mutter von drei eigenen Kindern geduldig beantwortet. „Super sieht das aus.“ Mit Lob spart sie nicht. Und dann wird auch noch etwas Tierkunde betrieben, es werden Insekten gefangen oder Regenwürmer abtransportiert.

Jedes Kind hat seine eigenen Weinstöcke

Wer fertig ist, kann noch das Unkraut an seinen Reben he­raushacken. Jedes Kind hat seine eigenen drei bis vier Weinstöcke, die es über das Jahr hinweg betreut – immer zwischen zwei Stickeln. Zu Beginn des Treffens werden die Abschnitte ausgelost. „Damit es keinen Streit gibt, wer neben wem arbeitet“, so die Erfahrung der gelernten Bankkauffrau. Nach dem ersten Mal hängt sie die Namen der Kinder an die entsprechenden Teilstücke. „So können sie auch einmal außerhalb unserer Treffen zu ihrem Wingert gehen, um zu sehen, wie sich der Stock entwickelt“, erhöht sie die Bindung der Kinder an ihre Tätigkeit. Insgesamt trifft sich die Gruppe fünfmal im Jahr. Der nächste Termin findet im Mai statt. Dann werden überflüssige Triebe am Stock ausgebrochen und geschaut, wie weit die Rebe sich entwickelt hat. Im Juni ist das Heften dran, und im August wird entblättert. Das gleichzeitige Herausschneiden der Trauben, also Ausdünnen, ist bei den Kindern nicht sehr beliebt. „Ihre Trauben herausschneiden, wollen sie meistens nicht“, schmunzelt Alexandra Becker. Im Oktober geht es dann in die Lese. Als Rebe wählen die Beckers den Regent, einen robusten und resistenten Rotwein.

Mit Eifer dabei

Schere für die Reben und Hacke für das Unkraut sowie ihren eigenen Proviant bringen die Mädchen und Jungen selber mit. Und mit einer Schere in der Hand zu laufen, ist streng untersagt. „Da muss ich manchmal schon durchgreifen.“ Aber im Allgemeinen sind die Kinder sehr einsichtig. Mit großem Eifer kommen sie den gestellten Aufgaben nach. Unterstützung bekommt Alexandra Becker von ihrem 14-jährigen Sohn Jakob. Er strahlt eine ähnliche Ruhe aus wie seine Mutter. Für die teilnehmenden Kommunionkinder hat Alexandra Becker jedes Jahr eine Überraschung parat: Sie bekommen zu ihrem großen Fest einen Rebstock geschenkt. Den dürfen sie dann im eigenen Garten pflanzen.

Eltern lernen von ihren Kindern

Die Eltern kommen beim ersten Treffen in den Weinberg, um ihre Kinder abzuholen kurz bevor sie mit der Arbeit fertig sind. „So bekommen sie noch etwas davon mit, was ihre Kinder an dem Vormittag getan haben“, bezweckt die gebürtige Rheinhessin die zeitliche Angabe. Manchmal helfen die Großen den Kleinen auch noch bei den letzten Handgriffen und müssen ihre Kinder fragen, was zu tun ist. Ab dem zweiten Mal kommen die Kinder allein zu der Verabredung. Fast alle Teilnehmer sind aus dem Dorf. Ebersheim gehört mittlerweile zur Stadt Mainz und ist nicht mehr sehr landwirtschaftlich geprägt. „Da ist es auch einfacher, kurzfristige Absprachen zu treffen“, so ihre Erfahrung. Wenn es regnet, wird eine Verabredung auch schon einmal abgesagt. Werbung macht sie in der Grundschule und über Facebook. Jedes Jahr hat sie eine feste Gruppe, mit der sie durch das Jahr geht. In diesem Jahr sind es die bisher meisten Teilnehmer. „Mehr dürften es aber auch nicht sein. Dann wird es unübersichtlich und man kann den Kindern nicht mehr gerecht werden“, so ihre Einstellung. Einmalig 40 Euro bezahlen die Eltern pro Kind und Jahr für die Teilnahme an der Aktion.

Betriebsspiegel

Weingut Becker, Mainz-Ebersheim

  • Größe des Betriebes: 45 ha
  • Aufteilung Anbau: 26 ha Ackerbau (Winterweizen, Sommergerste, Zuckerrüben), 19 ha Weinbau, davon
  • 3/4 Weiß: Riesling, Silvaner, Müller-Thurgau, Grau- und Weißburgunder, Gewürztraminer, Blauer Sylvaner, Scheurebe, Faberrebe, Huxel, Kerner, Bacchus und
  • 1/4 Rot: Spätburgunder, Frühburgunder, Dornfelder, Regent, Portugieser
  • Höhenlage: 120 bis 260 m
  • Jahresniederschläge: circa 450-500 mm/m2
  • Preisbeispiele für Wein in Euro/0,75 l (inkl. Mwst.) ab Hof: 2015er Gewürztraminer Hüttberg trocken 12,50; 2015er Blauer Sylvaner 8,90; 2015er Scheurebe 6,90; 2015er Grauer Burgunder 6,50; 2011er Spätburgunder „im Barrique gereift“ 9,90; 2015er Scheurebe Trockenbeerenauslese 29,90
  • Öffnungszeiten: nach telefonischer Vereinbarung
  • www.Becker-das-Weingut.de
Hofnagel

Kindergarten und Schule als Auslöser Seit zehn Jahren sammelt

Alexandra Becker Erfahrung mit dem Kinderwingert. Auslöser war ihr ältester Sohn Johann. Die Kindergartenkinder wussten nichts vom Weinbau. Da konnte Alexandra Becker helfen. Richtig angefangen hat sie mit dem Kinderwingert dann in der Schule ihres Sohnes. Später hat die engagierte Mutter die Ausbildung zur Wein- und Kulturbotschafterin für Rheinhessen absolviert und in diesem Rahmen ihre Arbeit fortgesetzt. Daneben ist sie auch noch „Bauernhofpädagogin“ und informiert ältere Kinder über die Arbeit auf dem Weingut. Drittklässler können beispielsweise bei der Kartoffelernte dabei sein. Auf diese Idee hat sie ihr jüngster Sohn Julius gebracht. In der 3. Klasse lernen die Kinder im Unterricht alles rund um die Kartoffel.

Flaschenverkauf ausdehnen

Natürlich erweitern die Beckers mit diesem Angebot auch ihren Bekanntheitsgrad. Speziell auf dem jährlichen Hoffest kommen die Familien mit ihren Kindern zu Besuch. Vor 13 Jahren haben Marco und Alexandra Becker das Weingut seiner Eltern übernommen. Im Moment verkaufen sie noch 80 Prozent der Lese als Fasswein. Der Vertrieb über die Flasche soll natürlich ausgedehnt werden. Daran arbeitet der studierte Winzer mit seiner Frau. „Jetzt sind die Kinder aus dem Gröbsten heraus und wir können uns intensiver der Arbeit auf dem Hof widmen“, sind sich die Beiden einig. Und ihre Kinder unterstützen ihre Eltern bereits gern. Johann hat die Prüfung für seinen Klasse T Traktorführerschein bestanden und hat somit viele Ideen, seine Arbeitskraft einzusetzen. Und wenn Entscheidungen für den Betrieb zu fällen sind, sitzen die Kinder mit am Tisch. Um ihren Absatz mit der Flasche noch mehr anzukurbeln, besuchen die Beckers die Weinfeste in Mainz sowie Weinmessen und sind auch überregional unterwegs. Ihre Endverbraucher deutschlandweit beliefern sie per Paketdienst. „Die heutigen Verbraucher legen sich keine großen Vorräte an. Sie wollen so beliefert werden, wie sie die Ware benötigen“, ist ihre Erfahrung. Bestellt wird im Online-Shop.

Zweiten Betrieb dazugekauft

Um ihren Betrieb weiterzuentwickeln, haben sie auch noch eine Betriebsstelle im Ort dazugekauft. Hier gibt es eine Probierstube und einen Saal, der für Familienfeste oder Theater­stücke geeignet ist. Beckers sind offen für neue Ideen. Generell erfolgt hier die Vermarktung, während auf dem Hof der Familie die Produktion stattfindet. Mit 20 Rebsorten haben sie ein umfangreiches Angebot für ihre Kunden. Die Vielfältigkeit macht ihnen Spaß. Die unterschiedlichen Lagen und Böden stellen eine spezielle Herausforderung dar und sind ein inte­ressanter Baustein im Terroirgedanken. In Flaschen abgefüllt, wird neben den Standardsorten Riesling, Burgunder, Dornfelder auch Scheurebe, Faber und Kerner sowie als Spezialität Gewürztraminer, Frühburgunder und Blauer Sylvaner. Trockenbeerenauslesen von Ortega und Scheurebe finden ihren Weg ebenfalls in die Flasche.

Pflanzenschützer des Jahres

Neben diesen Aktivitäten und ihrer normalen Arbeit auf dem Weingut nehmen die beiden aktiven Winzer auch noch an der Aktion des Industrieverbandes Agrar (IVA) „Schau ins Feld“ teil. Hierfür behandeln sie den Kinderwingert nicht mit Pflanzenschutzmitteln. Damit zeigen sie den Verbrauchern, was passiert, wenn in den Weinbergen nicht gegen Schädlinge oder Krankheiten vorgegangen wird. „Ich finde es gut, dass man mit den Spaziergängern zu diesem Thema ins Gespräch kommt“, so Alexandra Becker, die auch aus einem Weingut stammt und weiß, wovon sie spricht. „Es ist einfach wichtig zu erklären, warum die Bestände auch auf dem Acker so gut aussehen, wenn man sich um sie kümmert“, so auch die Auffassung von Marco Becker. Und speziell bei Sonderkulturen wie dem Wein, der über Jahre an derselben Stelle steht, sind Maßnahmen seiner Auffassung nach noch notwendiger. Bei dieser Aktion des IVA waren die Beckers als Weingut deutschlandweit die ersten Teilnehmer. Seit drei Jahren gibt es dieses Angebot. Und in diesem Jahr haben sie für ihre dreijährige Teilnahme und ihr „Schaufenster“ einen Preis bekommen. Auf der Grünen Woche in Berlin wurden sie von dem Verband für ihren Einsatz als Pflanzenschützer des Jahres ausgezeichnet. „Wir wollen auch weiterhin dabei sein“, sind sich die beiden 41-Jährigen einig, aktive Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben.

Dagmar Hofnagel – LW 19/2017