Nicht am langen Arm verhungern lassen

Wie ein Paar sich wieder eine Brücke zueinander baut

Der landwirtschaftliche Alltag und die Anforderungen durch kleine Kinder kosten ihren Preis. Oft geht das zu Lasten der Partnerschaft. Ist das unveränderliches Schicksal, oder kann man da was machen? Peter Jantsch, Diplom-Agraringenieur und systemischer Coach, zeigt an einem Beispiel, wie die Gedankenwelt eines Paares aus­einanderdriften kann und wie beide Partner es geschafft haben, wieder eine Brücke der Verständigung zueinander zu finden.

Aneinander vorbeizuleben, das kann auf Dauer nicht gut gehen. Wer macht den ersten Schritt? Denn eigentlich ist doch alles gut.
Foto: imago images/blickwinkel

Sebastian und Julia, Anfang 30, gelten als Traumpaar. Seit acht Jahren sind sie zusammen, seit fünf Jahren verheiratet, zwei Kinder, den Hof letztes Jahr offiziell übernommen. Der Sommer ist heiß und trocken. Dürre überall. Dürre auch in der Partnerschaft. Beide sind ratlos.

Sebastian denkt: „Wir haben alle viel zu tun. Das ist herausfordernd. Die Milchkrise hatte uns noch zusammengeschweißt, aber in diesem Sommer vertrocknet alles. Was ist passiert, dass Julia so abweisend ist?“ Er sitzt unglück­lich und unzufrieden vor dem Stall.

Gedankenwelt des Mannes

Hat er etwas falsch gemacht, dass Julia ihn nicht mehr an sich ran lässt? Was ist los? Sie sind so stark gestartet, sie ist seine Traumfrau: witzig, kraftvoll und attraktiv, und das soll jetzt schon alles vorbei sein mit Anfang 30? Sebastian sinniert, ob etwas an ihm falsch ist. Er fragt sich sogar, ob sie einen anderen hat? Er selbst hatte neulich auf dem Feuerwehrfest mit einer Frau aus dem Nachbarkreis geschäkert. Nur so. Ja, zwei, drei Bier zu viel. Sie hatte den Kontakt gesucht. Sollte er sich noch mal mit ihr treffen? Netter Gedanke. Aber so etwas kommt immer raus. Er kennt da so Geschichten. Das hat schon mal einem Betrieb das Genick gebrochen. Aber was konnte er tun?

Kopfkino der Frau

Julia: „Ich würde so gerne mal schlafen. Ein ganzes Wochenende nur schlafen. Oder mal ein Buch lesen. Mit Sebastian unter einem Baum auf einer Decke liegen und nichts tun. Keine Ansprüche, kein Kind, das etwas will, keine Windeln, Fläschchen, keine Kälber, keine Schwiegereltern, kein klingelnder Wecker, kein Handy. Nichts. Ich liebe die Landwirtschaft. Aber das ist so weit weg gerade. Der Betrieb läuft gut. Wir haben viel gerissen die letzten Jahre. Aber es ist in der Summe einfach zu viel. Klar, Sebastian hält den Laden zusammen. Aber wann ist er mal für mich da? Wann hört er mir mal zu, wann kann ich mal mein Herz ausschütten?“

Julia weiß, dass es ihnen gut miteinander geht. Sie denkt: „Ich will ja nicht viel: Nur mal in den Arm genommen werden. Mal ein liebes Wort. Aufmerksamkeit am Tisch, er soll nicht immer in sein Handy gucken. Und im Bett abends, bevor ich wie ein Stein schlafe, schaut er mich so sehnsüchtig an. Armer Kerl, wie ausgehungert. Aber er sagt kein Wort, ich denke er sieht, dass ich keine Kraft habe. Er ist rücksichtsvoll. Oder bin ich nicht mehr interessant für ihn? Zwei Geburten hinterlassen Spuren. Was soll ich tun?“

So geht das eine ganze Weile mit Sebastian und Julia. Tagsüber zu viel, nachts zu wenig von dem, wonach sich beide sehnen. Dazwischen dieses Kopfkino. Ständig diese Gedanken, Zweifel an sich, am anderen.

Das Fass läuft über

Dann gab es einen Streit, eigentlich um nichts. Ein Missverständnis oder Versehen? Im Grunde egal, aller Zorn und Enttäuschung entlud sich anei­nander. Das war nicht gut. Das wussten beide. Julia heulte, Sebastian verließ türenschlagend die Küche und mistete den Jungviehstall aus. So schnell war er noch nie.

Die Schwiegermutter hatte den Streit mitbekommen. Sie ging unter einem Vorwand zu Julia und versuchte, sie zu beschwichtigen. Endlich konnte sie mal ihr Herz ausschütten. Die ältere Frau bemühte sich, ihr gute Ratschläge zu geben: „Ich kenne das. Die Jahre nach den Babys sind hart. Und es bleibt ja vielleicht nicht bei den beiden, oder? Da muss man durchhalten. Das nutzt alles nichts. Sieh doch einfach das Positive in deiner Situation. Dann wird es gleich leichter. Und den Kleinen bringst du mir nachher mal runter. Dann hast du etwas die Hände frei.“

Veränderung anpacken

Aber Julia erinnerte sich, Sebastian war früher anders. Er war aufmerksam, sie konnten miteinander reden. Was war passiert? Wo ist ihre Paarbeziehung verloren gegangen – und warum?

Die Wut auf die Situation erzeugte bei ihr den Willen, etwas zu ändern. Sie wollte nicht hinnehmen, dass ihre Situation eben hart ist und sie derartiges durchstehen müsste, die nächsten Jahre oder Jahrzehnte. Sie fragte in ihrem Freundeskreis nach Rat, aber das führte nicht weiter. Schließlich rief sie beim landwirtschaftlichen Sorgentelefon an – und bekam nicht nur ein aufmerksames Ohr.

Reden und zuhören

Hilfreiche Tipps für die Paarbeziehung

  • Über sich selber reden. Gefühle, Wünsche, Ideen ansprechen. Jeder spricht nur für sich. Keine Du-Botschaften und Vorwürfe.
  • Zuhören. Nicht kommentieren, nicht diskutieren, nicht urteilen.
  • Verschiedene Bedürfnisse sind normal. Bedürfnisse werden nicht diskutiert, wohl aber die Frage, wie sie umgesetzt werden könnten.
  • Jedes Paar braucht exklusive Paarzeiten. Beziehung braucht Pflege und Zuwendung. Am besten regelmäßige Zeiten fest einplanen.
  • Respekt und Anerkennung: Wertschätzung bewusst aussprechen. Jeden Tag mindestens 1 mal. Wertschätzung tut gut: dem, der sie empfängt und dem, der sie ausspricht.
  • Missverständnisse klären: Die Wirklichkeit ist so, wie man sie erlebt, und das kann bei verschiedenen Menschen völlig unterschiedlich sein.
  • Reden, reden, reden. Es wird viel zu wenig miteinander gesprochen oder nachgefragt.
Jantsch, www.veraenderung.jetzt

„Was im Moment fehlt, ist Wasser – nicht nur dem Boden und den Pflanzen, sondern auch Ihrer Partnerschaft. Nicht WAS Sie miteinander machen, sondern WIE Sie miteinander umgehen, jede Minute, das ist wichtig. Ebenso geht es um Aufmerksamkeit. Reden Sie miteinander! Und so seltsam es klingt: Reden Sie so miteinander, dass es wie frisches Wasser ist und Wachstum ermöglicht. Das ist nicht einfach. Und es wird nirgendwo beigebracht.“

Julia redete mit Sebastian und erzählte ihm von dem Telefonat. Er verstand. Endlich wieder eine Brücke zwischen ihnen.

Sie holten sich Unterstützung von jemandem, der sie an die Hand nahm, damit sie etwas Neues lernten: Sie lernten, über ihre eigenen Gefühle und Bedürfnisse zu reden – und dem anderen zuzuhören.

Andere Sichtweisen

Sebastian: „Ich verstehe Julia jetzt viel besser. Und auch mich selber. Für Julia ist es völlig anders als für mich. Wir haben zwei total verschiedene Baustellen. Aber ich hätte nie gedacht, dass dieselbe Situation für zwei Menschen völlig verschieden sein kann. Aber wenn ich darüber nachdenke, finde ich es verständlich. Ich habe gelernt, ihr zu sagen, was ich will, wie es mir geht und was ich mir wünsche. Es passiert nun öfter, dass ich zu dem komme, was ich will; nicht immer, aber das ist normal. Und ich sehe, was sie eigentlich alles tut, was ich bisher nicht gesehen habe. Mein Respekt und meine Wertschätzung sind gestiegen. Und ich habe gelernt, es ihr zu sagen. Diese Frau will ich. Die und keine andere.“

Julia: „Ich bin immer noch müde, aber mir ist eine Last genommen. Ich kann es schwer beschreiben. Ich fühle mich gesehen. Sebastian ist präsent und aufmerksam. Ich habe jetzt das Gefühl, es interessiert ihn wirklich, was ich mache. Er ist auch mehr für die Kinder da. Wir haben verstanden, dass wir nicht falsch sind, nicht ich, nicht er. Wir haben unterschiedliche Wünsche und Bedürfnisse. Und wir haben gesehen, wo wir Handlungsspielraum haben, unsere Situation zu verändern. Wir haben jetzt an drei Vormittagen eine Frau organisiert, die bei uns mithilft. Das sind wir uns Wert. Für uns gibt es jetzt einen festen Abend, an dem die Kinder bei der Schwiegermutter sind, sodass wir als Paar Zeit nur für uns haben. Ja, ich bin die, die den Abend meistens gegen irgendwelche Arbeit oder Anfragen verteidigt, aber Sebastian hilft mir dabei. Es ist immer noch viel zu tun auf dem Hof und im Haushalt, aber wir stehen jetzt auf der Prioritätenliste weiter oben. Viel weiter oben. Und wir haben gelernt, mitei­nander zu reden und einander zuzuhören. Eigentlich nichts Besonderes. Aber es macht einen so großen Unterschied.“

 – LW 45/2018