Gut durch die Weihnachtszeit kommen

Wie das Fest der Liebe nicht zur Überforderung wird

Jedes Jahr ist es das Gleiche: Weihnachten kommt so plötzlich – und stresst alle Beteiligten. Dabei sind nach dem heißen Sommer und der anschließenden dunklen Jahreszeit die Akkus leer und die Herzen dürsten nach Wärme, Zuwendung und wohliger Entspannung. Bei allem Lichterglanz: Oft geht das „Fest der Liebe“ mit Überforderung und Enttäuschung einher. Peter Jantsch, Diplom-Agraringenieur und systemischer Coach, liefert im Folgenden hilfreiche Anregungen, wie das auch anders geht.

Es hängen hohe Erwartungen an Weihnachten. Ein „Fest der Liebe“ soll es sein, ruhig, entspannt und besinnlich im Kreise der Liebsten. In ihrer Familie sind Landwirte aber schon das ganze Jahr eher im Dauerstress, überlastet von der Summe der täglichen Anforderungen, oftmals ungeübt darin, wertschätzend und achtsam miteinander zu kommunizieren. Für die Partnerschaft, für ein Innehalten und für Besinnung ist schlicht keine Zeit.

Und das soll jetzt an diesen heiligen Tagen möglich sein, indem man noch mehr putzt, backt, kocht, Glitzersterne aufhängt, den Hof blitzeblank fegt und unter dem Anspruch steht, passgenaue Geschenke zu finden? Diese sollen weder zu teuer noch zu billig sein, sondern persönlich und vom Herzen kommen. Als ob man das ganze Jahr im Schongang unterwegs war, um jetzt zum krönenden Abschluss mit Genuss auch mal unter Voll-Last zu laufen?

Die Festtage fallen in eine Zeit, wo nach dem Nonstop der landwirtschaftlichen Saison statt Erholung die dunkle Jahreszeit und die stressige Adventszeit kommt. Auch wenn sich alle gegenseitig vergewissern, dass Geschenke weniger wichtig sind als das Zwischenmenschliche, so werden die Gaben immer noch als Ausdruck dafür empfunden, welchen Stellenwert der Beschenkte für den Schenker hat. Insofern ist nicht nur der Heilige Abend stressig, da er eine Prüfung für die zum Ausdruck gebrachten Wertbekundung ist, sondern auch schon vorher das Suchen und Finden der richtigen Geschenke.

Dabei besteht eigentlich eine große Sehnsucht danach, zu all dem zu kommen, was während des Frühjahrs, des Sommers und im Herbst zu kurz gekommen war: Ruhe, Erholung, Partnerschaft, Leichtigkeit, Begegnungen, Zeit für sich selbst, als Familie, als Paar.

Es allen recht machen wollen

Zu kaum einer Gelegenheit gibt es eine so hohe gesellschaftliche Überfrachtung mit Erwartungen wie zu Weihnachten. Es besteht eine hohe Dichte an „alten Traditionen“, wann man welchem Teil von wessen Familie, wo und auf welche Weise wie gerecht werden muss.

Zu den allgemeinen Erwartungen kommen persönliche Bedürfnisse an die Festtage, überhöhte romantisierte Erinnerungen an „früher“, mit dem Anspruch, es mindestens genauso schön zu machen dieses Jahr, oder besser noch: es zu übertreffen.

Alle diese Erwartungen und Vorstellungen sind meistens diffus und unausgesprochen. „Es ist doch klar, dass Weihnachten schön sein soll.“ Überkommene Rollenverteilungen setzen dem dann noch die Krone auf, wenn an Heiligabend die Familie zusammenkommt: Die Mutter steht noch gestresst in der Küche und rotiert, der Vater kommt nicht aus dem Stall und die restliche Familie mahnt erwartungsvoll und ungeduldig zur Eile. Das muss doch schiefgehen – oder geht es auch anders?

Erste Hilfe am Festtag

Sich gegenseitig im Blick haben. Fragen, wie es dem anderen geht. Fragen, ob man einem Familienmitglied bei einer Aufgabe/Arbeit unterstützen soll.

Vorher einen Notfall-Code vereinbaren, der einen daran erinnert, dass man ein gemeinsames Ziel und einen gemeinsamen Feind hat. „Liebste, ich merke, dass unser Übel mich angreift / zugeschlagen hat“.

Auslöser von Konflikten sind in der Regel Banalitäten, die ein schon überreiztes Fass zum Überlaufen bringen und schäumende Emotionen hochkochen. Tief durchatmen. Zwischen auslösendem Tropfen und gefülltem Fass unterscheiden.

Nicht nach Schuld suchen, sondern nach einem konstruktiven Umgang mit der eingetretenen Situation.

„Und“ statt „aber: „Der Weihnachtsbaum ist wunderschön geworden UND ich bin enttäuscht, dass der Nachtisch angebrannt ist.“

Auch wenn es in den meisten Zeiten des Jahres richtig und gut ist, Konflikte gleich zu klären und nach echten Lösungen zu suchen, an Weihnachten darf man das auch mal vertagen. Für diese paar Tage darf man Ungereimtheiten auch mal weglächeln.

Jantsch, www.veraenderung.jetzt

Hilfreiche Tipps

  • Rechtzeitig über Erwartungen reden.

Klären Sie und Ihre Angehörigen früh genug, was Sie eigentlich von Weihnachten wollen. Was sind Ihre eigenen Bedürfnisse? Was die der anderen? Wie müssten die Feiertage aussehen, wenn man sich an den Bedürfnissen orientieren würde und nicht an dem „üblichen Fahrplan“? Definieren Sie zusammen, wie Weihnachten dieses Jahr sein könnte.

  • Wie groß soll die Nummer werden?

Bei hohem Erwartungsdruck besteht die Gefahr, in die Überbietungs-Falle zu stolpern und beim Versuch, möglichst allem gerecht werden zu wollen, ein Gesamtpaket zu schnüren, das nicht zu leisten ist. Weniger ist mehr!

  • Lasten gleichmäßig verteilen.

Aufgaben und Verantwortung angemessen aufteilen. Jeder soll das Gefühl haben, Weihnachten ist ein gemeinsames Projekt, wo alle zusammen an einem Strang ziehen. Machen Sie eine schriftliche Übersicht, was zu tun ist und haken Sie ab, was erledigt ist.

  • Fünfe gerade sein lassen.

Der Prozess ist wichtiger als das Ergebnis. Beschließen Sie, dass das Miteinander von höherem Wert ist als „perfekte Weihnachten“. Und wenn es anders kommt: lachen Sie! Humor hilft (fast) immer.

  • Zeitpuffer einbauen.

Packen Sie das Programm nicht zu dicht, damit man zwischendurch mal atmen kann. Denn irgendetwas kommt immer anders.

  • Das gemeinsame Projekt und das gemeinsame Übel definieren.

Das ist ein Trick gegen Konflikte während der Festtage: Machen Sie sich klar, dass Sie gemeinsam schöne Weihnachten feiern wollen und was Sie dazu beitragen wollen, damit es gelingt. Gleichzeitig beschreiben Sie das „gemeinsame Übel“, das, was schief gehen und was das gemeinsame Ziel gefährden könnte. Wenn es stressig wird – kämpfen Sie dann gemeinsam „gegen das Übel“ und nicht gegeneinander!

  • Schaffen Sie ein neues Ritual.

Das anstehende Weihnachten kann der ideale Zeitpunkt sein, eine neue Tradition zu beginnen. Feiern Sie Weihnachten so, dass es an den Kern des landwirtschaftlichen Miteinanders erinnert! Beispielsweise: Wertschätzung der Tiere, von denen der Betrieb lebt, das Land symbolisch segnen, sich für den hohen gemeinsamen Einsatz gegenseitig bedanken, an all das erinnern, was gelungen ist. Von Herzen kommende Gesten sind oft wertvoller als teure Geschenke.

Weihnachten heißt Aufbruch

Heiligabend ist das Fest von der Geburt einer Verheißung. Der Frischgeborene war zum Zeitpunkt seiner Geburt noch kein Heilsbringer, sondern die Ankündigung zukünftigen Heils. Es ist der Aufbruch zu neuen Zeiten. Geburten sind bekanntlich mit Arbeit und Schmerzen verbunden und kein harmonisches Zuckerschlecken.

Feiern Sie also Weihnachten, was es ist: Die Geburt von etwas mit hohem Wert für Sie, dem Sie Schritt für Schritt entgegenwachsen wollen. Zusammen mit den Tagen „zwischen den Jahren“, in denen oft Rückschau gehalten wird, und Neujahr, wo Vorsätze formuliert werden, kann die Weihnachtszeit im besten Sinne eine Zeit der Besinnung, der Achtsamkeit, des Miteinanders und des Neubeginns sein.

Peter Jantsch – LW 50/2018